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400-Millionen-Grab am Rhein: Karlsruhes Müll-Wunder fällt!

400-Millionen-Grab am Rhein: Karlsruhes Müll-Wunder fällt!
Symbolbild: KI-generiert

Im Karlsruher Rheinhafen arbeiten sich seit Ende Juli 2026 die Bagger durch eines der teuersten Industrie-Desaster Baden-Württembergs. Die Energie Baden-Württemberg AG (EnBW) lässt die Müllverwertungsanlage Thermoselect abreißen. Sie war nur rund fünf Jahre in Betrieb und steht seit 2004 still. Zurück bleibt ein Verlust von rund 400 Millionen Euro.

Die Weltneuheit, die nie richtig lief

Ende der 1990er-Jahre klang alles nach Zukunft. Müll sollte nicht einfach verbrennen, sondern sich bei extremer Hitze in brennbares Gas verwandeln, das Strom und Fernwärme liefert. Aus den mineralischen Resten sollte ein Granulat für den Straßenbau entstehen. Medienberichten zufolge war Karlsruhe die weltweit erste reguläre Großanlage dieser Art. Sogar ein Designer entwarf die Halle aus Glas und Stahl, damit sie nicht nach Fabrik aussah.

Allein der Bau verschlang rund 144 Millionen Euro. Gut 200.000 Tonnen Abfall sollten hier jedes Jahr verarbeitet werden. Beim damaligen Betreiber Badenwerk, dem Vorgänger der EnBW, und bei vielen Regionalpolitikern träumte man laut Berichten sogar von einem Milliardengeschäft.

Die Wirklichkeit sah anders aus. Schon beim Bau gab es Verzögerungen, nach dem Start 1999 dann eine Panne nach der anderen:

  • Wasserbecken waren undicht
  • eine Pumpe explodierte
  • Anwohner beklagten Schmutz auf ihren Autos rund um den Hafen
  • die geplanten Abgaswerte wurden nicht dauerhaft eingehalten

Volllast? Kein einziges Mal. Die Anlage kam über den Probebetrieb nie hinaus. Weil gleichzeitig auch noch die Müllmengen sanken, brach auch die Kalkulation zusammen. 2004 zog EnBW den Stecker.

Wer nicht hören wollte

Besonders bitter: Gewarnt worden war man. Fachleute der Karlsruher Abfallverwaltung hatten Berichten zufolge schon vor dem Bau große Zweifel an der Technik. Trotzdem pilgerten Unternehmer und Kommunalpolitiker zu einer kleinen Versuchsanlage am Lago Maggiore und ließen sich begeistern. Was im Kleinen klappte, scheiterte offenbar im Großen.

Der frühere Karlsruher Stadtrat und Umweltaktivist Harry Block sieht das im Rückblick kritisch. Seiner Darstellung nach hätten politische Hoffnungen mehr gezählt als technische Einwände. Ein Muster, das man kennt: Erst kommt die Vision, dann das Pressefoto und zum Schluss der Kassensturz.

Die Tragweite ist groß, denn die EnBW gehört größtenteils dem Land Baden-Württemberg und den oberschwäbischen Landkreisen. Wenn hier Millionen verbrannt werden, trifft das am Ende Bürger und Steuerzahler. Laut Halbjahresbericht 2003 belastete die Sonderabschreibung auf die Thermoselect-Anlagen in Karlsruhe und Ansbach das operative Ergebnis mit 283 Millionen Euro.

Abriss mit Beton-Bergen

Bis Mai 2027 soll alles weg sein, auch die Fundamente. Insgesamt müssen mehr als 50.000 Tonnen Beton und 5.000 bis 6.000 Tonnen Stahl abtransportiert werden. Am schwierigsten seien die Hochtemperaturreaktoren, so EnBW-Projektleiter Roman Sedlmair. Die Arbeiten liefen bisher nach Plan.

Der Konzern beziffert die Abrisskosten auf einen niedrigen einstelligen Millionenbetrag. Verglichen mit dem Gesamtschaden ist das wenig, aber es ist eben zusätzliches Geld für ein Projekt, das nie etwas eingebracht hat.

Neues Großprojekt, neue Fragezeichen

Auf der Fläche sollen zunächst Lager und Logistik Platz finden. Gleich nebenan prüft EnBW unter dem Namen RDK 9 ein neues Gas- und Dampfturbinenkraftwerk mit rund 850 Megawatt Leistung und etwa 220 Megawatt Fernwärme. Es soll zuerst mit Erdgas laufen und später auf Wasserstoff umgestellt werden können. Damit soll langfristig das Kohlekraftwerk am Standort ersetzt werden.

Noch ist aber nichts entschieden. EnBW braucht dafür einen Zuschlag in der bundesweiten Ausschreibung für neue Kraftwerke, die Investitionsentscheidung steht aus. Der BUND Karlsruhe macht unterdessen gegen die fossile Planung mobil. Die Wasserstoff-Zukunft ist also wieder ein Versprechen, dessen Wirtschaftlichkeit erst noch bewiesen werden muss.

Thermoselect zeigt, wie teuer es wird, wenn Politik eine Technik schneller will, als sie ausgereift ist. Wer Infrastruktur für Jahrzehnte baut, braucht belastbare Praxistests, ehrliche Wirtschaftlichkeitsrechnungen und unabhängige Prüfer. Sonst bleibt am Ende das, was jetzt im Rheinhafen passiert: Bagger, Schutt und eine Rechnung, die nicht mehr zu korrigieren ist.

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