
657 Millionen Euro im Mittelmeer versenkt: EU-Prestigeprojekt droht krachend zu scheitern

Es ist eine Geschichte, die exemplarisch für das Versagen europäischer Großprojekte steht: Ein Unterwasser-Stromkabel, das Kreta mit Zypern und perspektivisch auch Israel verbinden sollte, verschlingt hunderte Millionen Euro an EU-Fördergeldern – und droht nun sang- und klanglos in den Fluten des Mittelmeers zu versinken. Kein Meter Kabel wurde bislang verlegt. Nicht ein einziger.
Fast 658 Millionen Euro – und nichts passiert
Der sogenannte „Great Sea Interconnector" galt einst als strategisches Leuchtturmprojekt im östlichen Mittelmeer. Die Europäische Union pumpte sage und schreibe 657,9 Millionen Euro an Fördermitteln in das Vorhaben. Ursprünglich hätte das Kabel bereits Ende 2023 fertiggestellt sein sollen. Doch während die Brüsseler Bürokratie fleißig Gelder bewilligte, geschah vor Ort – nichts. Keine Verlegung, kein Baubeginn, nicht einmal ein konkreter Zeitplan, der diesen Namen verdient hätte.
Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Der europäische Steuerzahler finanziert ein Projekt mit einer Dreiviertelmilliarde Euro, und das Ergebnis ist eine Machbarkeitsstudie, die nun noch einmal neu erstellt werden soll. Wer angesichts solcher Zustände noch Vertrauen in die Effizienz europäischer Infrastrukturpolitik hat, dem ist wahrlich nicht mehr zu helfen.
Zypern: Energiepolitisch im Mittelalter gefangen
Dabei wäre das Kabel für Zypern von existenzieller Bedeutung. Die Inselrepublik ist der einzige EU-Mitgliedstaat, der über keinerlei Anbindung an ein überregionales Stromnetz verfügt. Rund 74 Prozent des zyprischen Stroms werden nach wie vor aus Schweröl und Diesel erzeugt – eine Abhängigkeit, die nicht nur die Umwelt belastet, sondern vor allem die Geldbeutel der Bürger. Die Stromkosten auf Zypern gehören zu den höchsten in der gesamten EU.
Erneuerbare Energien decken gerade einmal ein Viertel der Stromproduktion. Und selbst dieses bescheidene Potenzial wird nicht annähernd ausgeschöpft: Im Jahr 2024 musste Zypern erschreckende 29 Prozent des erzeugten Ökostroms abregeln, weil das marode Netz die Mengen schlicht nicht aufnehmen konnte. Fast ein Drittel des grünen Stroms – einfach weggeworfen. Ein Anschluss an das europäische Verbundnetz würde diese absurde Verschwendung beenden. Theoretisch.
Lokale Profiteure blockieren den Fortschritt
Doch genau hier liegt das Problem, und es ist ein zutiefst menschliches: Wer vom Status quo profitiert, hat kein Interesse an Veränderung. Der frühere zyprische Energieminister Giorgos Papanastasiou brachte es mit entwaffnender Offenheit auf den Punkt: Alles, was als externe Stromquelle auf den kleinen zyprischen Markt gelange und sich der Kontrolle lokaler Akteure entziehe, werde als Bedrohung wahrgenommen. Betreiber von Solar- und Windparks kassieren derzeit üppige Vergütungen, die sich an den astronomischen Kosten der konventionellen Stromerzeugung orientieren. Günstiger Importstrom aus Griechenland würde dieses lukrative Geschäftsmodell über Nacht zerstören.
Auch die Mineralölbranche auf der Insel hat keinerlei Interesse daran, dass die staatliche Elektrizitätsgesellschaft EAC ihre ölbetriebenen Kraftwerke herunterfährt. Papanastasiou fasste die Haltung dieser Interessengruppen treffend zusammen: Sie wollten, dass alles so bleibe, wie es ist. Ein Satz, der in seiner Schlichtheit die ganze Tragödie dieses gescheiterten Projekts offenbart.
Politisches Versagen auf ganzer Linie
Erschwerend kommt hinzu, dass dem Vorhaben auch der politische Rückhalt fehlt. Zyperns Präsident Nikos Christodoulides beteuert zwar öffentlich, am Kabel festhalten zu wollen, sendet aber seit Monaten widersprüchliche Signale. Dass ausgerechnet Papanastasiou – einer der entschiedensten Befürworter des Projekts – im vergangenen Dezember sein Ministeramt verlor, dürfte kein Zufall gewesen sein. Die Gegner des Kabels fühlen sich seither im Aufwind.
Inzwischen haben Griechenland und Zypern das Vorhaben offiziell eingefroren. Die wirtschaftlichen und technischen Grundlagen sollen „neu bewertet" werden – eine Formulierung, die in der politischen Sprache üblicherweise das stille Begräbnis eines Projekts einleitet. Viele Beobachter sehen darin bereits das faktische Aus für das ambitionierteste Unterwasser-Stromkabel der Welt.
Die Türkei reibt sich die Hände
Die geopolitischen Konsequenzen dieses Scheiterns reichen weit über die Energiepolitik hinaus. Der Streit um das Kabel belastet die traditionell engen Beziehungen zwischen Athen und Nikosia erheblich. Und wer profitiert? Die Türkei. Ankara lehnt das Kabel als völkerrechtswidrig ab und beansprucht ein Seegebiet, durch das die Leitung verlaufen soll, als eigene ausschließliche Wirtschaftszone. Die Hängepartie spielt der türkischen Regierung perfekt in die Karten.
EU-Energiekommissar Dan Jørgensen bezeichnete das Projekt zwar weiterhin als „von strategischer Bedeutung" und forderte die „volle Zusammenarbeit und Koordination der beteiligten Mitgliedstaaten". Doch solche Appelle aus Brüssel klingen mittlerweile wie das Pfeifen im Walde. Ohne konkreten politischen Willen vor Ort bleiben sie hohle Phrasen.
Ein Lehrstück über europäische Geldverschwendung
Dieses Projekt ist symptomatisch für eine EU, die Milliarden an Steuergeldern in ambitionierte Vorhaben steckt, ohne sicherzustellen, dass diese auch tatsächlich umgesetzt werden. Man fördert, man plant, man erstellt Studien – und am Ende bleibt nichts als ein Haufen Papier und ein gewaltiges Loch in der Kasse. Während der deutsche Steuerzahler unter immer höheren Abgaben ächzt und die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz ein 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen auf den Weg bringt, das kommende Generationen belasten wird, versickern in Brüssel die Gelder in Projekten, die nie das Licht der Welt erblicken.
Wer sich fragt, warum das Vertrauen der Bürger in europäische Institutionen schwindet, findet in Geschichten wie dieser die Antwort. Fast 658 Millionen Euro – und nicht ein Meter Kabel im Wasser. Das ist keine Energiepolitik. Das ist organisierte Verschwendung.

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