
Abgesang auf die Basischemie: Wie Deutschland sein industrielles Tafelsilber verspielt

Es ist eine bittere Bestandsaufnahme, die da aus den Vereinigten Arabischen Emiraten herüberhallt – und sie sollte jedem Verantwortlichen in Berlin die Schamesröte ins Gesicht treiben. Der deutsche Top-Manager Rainer Seele, einst Chef von Wintershall und OMV, heute Schwergewicht beim arabischen Ölgiganten Adnoc, hat dem deutschen Chemiestandort de facto die Sterbeurkunde ausgestellt. Seine Botschaft: Mit „Chemie von der Stange“ habe Europa keine Zukunft mehr. Punkt.
Die Straße von Hormus und das Lieferketten-Beben
Anlass für Seeles ungeschminkte Worte sind die laufenden Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran über eine Freigabe der Straße von Hormus. Durch diese strategisch eminent wichtige Meerenge floss vor dem militärischen Schlagabtausch im Nahen Osten rund ein Fünftel der weltweiten Öl- und Flüssigerdgasmengen. Solange das Nadelöhr blockiert bleibt, schießen die Rohstoffpreise in die Höhe – und die Rechnung zahlen am Ende Verbraucher, Mittelstand und Industrie weltweit.
Selbst wenn die Tanker bald wieder ungehindert fahren dürften, sei mit einer schnellen Normalisierung nicht zu rechnen, warnt Seele. Die Erholung der Lieferketten komme nicht über Nacht, sondern werde sich über Monate hinziehen. Strategische Reserven seien aufzufüllen, der Nachholbedarf sei „riesig“. Bis weit ins Jahresende hinein bleibe die Rohstoffverfügbarkeit angespannt – mit massiven Folgen vor allem für die asiatische Chemie.
Inflationsgespenst kehrt zurück
Während die Energiekosten laut Seele relativ rasch sinken dürften – sobald die Risikoprämie aus dem Ölpreis weiche, sei eine Rückkehr Richtung 80 Dollar pro Barrel realistisch –, sieht der Manager an anderer Stelle düstere Wolken aufziehen. Die verarbeitende Industrie sitze auf horrenden Einkaufspreisen, die sie zwangsläufig weiterreichen werde. Das Resultat: ein erneuter Inflationsschub, der direkt auf dem Kassenbon der Bürger landet.
Besonders alarmierend: Bereits im Januar und Februar habe die Weltwirtschaft keinerlei Anzeichen einer Erholung gezeigt. Was viele für aufkeimende Nachfrage hielten, seien in Wahrheit reine Hamsterkäufe gewesen – panische Versuche der Kunden, produktionsfähig zu bleiben. Von gesundem Wachstum keine Spur. Seele befürchtet, dass das ohnehin angeschlagene Vertrauen von Konsumenten und Unternehmen durch die Folgen des Golfkonflikts weiter erodieren werde.
Die chinesische Billigwelle rollt schon
Europa profitiere kurzfristig zwar von den Schwierigkeiten der asiatischen Konkurrenz – doch Seele macht keine Illusionen: Es handle sich um nichts weiter als eine „Verschnaufpause“. Spätestens im kommenden Jahr werde China wieder mit gewaltigen Mengen zu Dumpingpreisen den Weltmarkt fluten. Dann beginne der Überlebenskampf für die europäische Chemie aufs Neue – und diesmal womöglich endgültig.
„Bei der Basischemie sehe ich schwarz. Da investiert niemand in Europa, dazu ist der Kostennachteil viel zu hoch.“
Diese Sätze sollten in jedem Wirtschaftsministerium an die Wand getackert werden. Denn sie sind das Resultat einer politischen Selbstverstümmelung, die ihresgleichen sucht: Erst hat man mit ideologisch motivierter Energiepolitik die Strom- und Gaspreise in astronomische Höhen getrieben, dann das CO₂-Bepreisungs-Korsett immer enger geschnürt – und nun wundert man sich, dass die energieintensive Grundstoffindustrie aus Deutschland verschwindet wie Wasser aus einem löchrigen Eimer.
Innovationskraft – die letzte Karte
Seele setzt die einzige Hoffnung, die er für den Standort Europa noch sieht, auf Innovation, Spezialisierung und globale Wettbewerbsfähigkeit. Gerade Deutschland habe zwar kaum eigene Rohstoffe, dafür aber „jede Menge Innovationskraft“. Genau darauf müsse man setzen.
Doch wie soll Innovation gedeihen, wenn Bürokratiemonster, Steuerlast und ideologische Regulierungswut die kreativen Köpfe vertreiben? Wenn junge Forscher lieber in die Schweiz, in die USA oder nach Singapur gehen, weil dort Leistung noch belohnt wird? Die neue Große Koalition unter Friedrich Merz redet zwar viel von Wirtschaftswende – doch das angekündigte 500-Milliarden-Sondervermögen wird weder die Energiepreise senken noch die erstickende EU-Regulierungswelle aufhalten. Es wird lediglich neue Schulden produzieren, deren Zinsen kommende Generationen über Steuern und Abgaben abstottern dürfen.
Was bleibt dem Anleger?
Wer die Worte Seeles aufmerksam liest, erkennt das Muster: Lieferkettenchaos, Inflationsdruck, geopolitische Risiken, industrieller Substanzverlust. In einem solchen Umfeld zeigt sich einmal mehr, warum physische Edelmetalle als Vermögensanker eine herausragende Rolle spielen. Gold und Silber kennen keine Bilanzierungstricks, keine Lieferkettenprobleme im klassischen Sinne und keine politische Willkür eines Notenbankchefs. Sie sind das, was sie seit Jahrtausenden sind: ein verlässlicher Wertspeicher in unsicheren Zeiten – und unsichere Zeiten haben wir reichlich.
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