
AfD-Höhenflug stoppen? Wüsts Rezept klingt besser, als es ist

Hendrik Wüst (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, hält den Aufstieg der AfD für umkehrbar. Das sagte er am Montag der türkischen Zeitung „Hürriyet“, gleich zu Beginn einer dreitägigen Dienstreise in die Türkei. Seine Beschreibung der Lage ist erstaunlich offen. Offen bleibt dagegen, warum seine Partei erst jetzt entdeckt, was viele Bürger schon lange bemängeln.
Hoffnung aus dem Rathaus
Wüst stützt seinen Optimismus auf die Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen. Dort habe die AfD im Vergleich zur Bundestagswahl rund zwei Prozent verloren, erklärte er. Sein Fazit fasste er so zusammen:
„Diese Entwicklung ist nicht unumkehrbar.“
Die Zahlen lassen allerdings auch eine andere Lesart zu. Bei den Kommunalwahlen im Herbst 2025 kam die AfD auf 14,5 Prozent. Das waren zwar 2,3 Punkte weniger als bei der Bundestagswahl, bei der sie in NRW 16,8 Prozent holte. Gegenüber der Kommunalwahl 2020 legte sie aber um satte 9,4 Prozentpunkte zu. Von einer Trendwende kann man da kaum sprechen, eher von einem kurzen Innehalten.
Das Beben im Osten und in Berlin
Wüst fordert, die jüngsten Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin gründlich auszuwerten. Das ist auch dringend nötig. In Sachsen-Anhalt wurde die AfD laut vorläufigen Ergebnissen mit 43,8 Prozent stärkste Kraft. In Mecklenburg-Vorpommern lag sie Medienberichten zufolge bei 38,2 Prozent.
Für die Union war das ein Tiefpunkt. Im Nordosten scheiterte die CDU an der Fünf-Prozent-Hürde und verpasste damit erstmals in ihrer Geschichte den Einzug in einen Landtag. In Berlin wurde der schwarz-rote Senat abgewählt, und die Linke wurde klar stärkste Kraft. Das ist eine bittere Bilanz für die Partei, die mit Friedrich Merz den Kanzler stellt.
„Das ist gefährlich“
Besonders beunruhigt ist Wüst nach eigenen Worten darüber, dass viele Menschen nicht mehr glauben, bei den etablierten Parteien Gehör zu finden. Das Erstarken der politischen Ränder zeige, wie sehr die Menschen daran zweifelten, dass die Politik ihre Probleme noch lösen könne. Seine Schlussfolgerung:
„Und deswegen müssen wir auch über Inhalte reden, müssen auch darüber reden, dass sich Politik verändern muss.“
Als Beispiele nannte er die Migrationspolitik und die Energiekosten. Genau diese beiden Themen beschäftigen Familien, Handwerker und Mittelständler seit Jahren.
Reden in Istanbul, Handeln in Düsseldorf?
Hier wird es unangenehm für den CDU-Politiker. Wüst ist kein Beobachter von außen. Er regiert Nordrhein-Westfalen seit 2022 zusammen mit den Grünen. Ausgerechnet mit diesem Partner will er nun bei Migration und Energiepreisen umsteuern? Kritiker bezweifeln, dass das gelingt.
Im Bund ist es nicht anders. Die Union stellt den Kanzler und könnte selbst am Steuer drehen. Stattdessen stehen dort ein 500-Milliarden-Sondervermögen auf Pump und gebrochene Versprechen zur Schuldenbremse. Wer Vertrauen zurückgewinnen will, muss liefern. Mit Interviews allein wird das nichts.
Jubiläum als Anlass der Reise
Anlass der Reise ist unter anderem der 65. Jahrestag des Anwerbeabkommens mit der Türkei aus dem Jahr 1961. Wüst würdigte die Leistung der Gastarbeiter. Ohne die vielen Menschen mit türkischen Wurzeln, die etwa im Bergbau gearbeitet hätten, hätte die Energieversorgung Deutschlands nicht funktioniert, sagte er. Auch der Wiederaufbau und der Ausbau der Infrastruktur wären ohne sie so nicht möglich gewesen. Sein Bundesland bemühe sich, „die Vielfalt der Kulturen zusammenzubringen“.
Diese Würdigung ist verständlich. Bei den Wählern kommt es aber auf etwas anderes an: Sie messen die Union daran, ob sie heute bei Grenzen, Sicherheit und Strompreisen Ergebnisse liefert. Ob die AfD wieder schrumpft, entscheiden am Ende nicht die Worte des Ministerpräsidenten, sondern die Taten seiner Partei.

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