
Alzheimer-Hoffnung zerschellt an deutscher Bürokratie: Lecanemab droht das Aus
Es ist eine Nachricht, die Hunderttausende Betroffene und ihre Angehörigen in Mark und Bein treffen dürfte: Das erste Alzheimer-Medikament, das sich direkt gegen die mutmaßliche Ursache der verheerenden Krankheit richtet, hat nach Einschätzung des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) keinen belegten Zusatznutzen gegenüber älteren Therapien. Ein Urteil, das weitreichende Konsequenzen haben könnte – bis hin zum vollständigen Rückzug des Mittels vom deutschen Markt.
Ein Preiskampf mit absehbarem Ausgang
Lecanemab, seit September 2025 unter dem Handelsnamen Leqembi in Deutschland verfügbar, steht vor einer existenziellen Bewährungsprobe. Der Wirkstoff des japanischen Pharmaherstellers Eisai kostet rund 25.000 Euro pro Jahr – und damit etwa das Hundertfache der bislang eingesetzten Acetylcholinesterase-Hemmer, die mit bescheidenen 250 Euro Jahresbehandlungskosten zu Buche schlagen. Ein Missverhältnis, das angesichts des G-BA-Beschlusses zum Stolperstein werden dürfte.
Denn die Spielregeln des deutschen Gesundheitssystems sind gnadenlos klar: Ohne anerkannten Zusatznutzen darf der Preis eines neuen Medikaments nicht wesentlich über dem bereits verfügbarer Alternativen liegen. Dass Eisai seinen Preis um den Faktor hundert senken wird, darf getrost als Wunschdenken abgetan werden. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, bringt es auf den Punkt: Nach den sechsmonatigen Preisverhandlungen werde Lecanemab in Deutschland „womöglich nicht mehr angeboten".
Äpfel mit Birnen verglichen?
Doch wie belastbar ist das Urteil des Expertengremiums wirklich? An der Methodik des zugrundeliegenden Vergleichs regt sich durchaus berechtigte Kritik. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hatte Lecanemab mit Mitteln verglichen, die lediglich Symptome behandeln – ein Ansatz, den Demenz-Experte Jörg Schulz von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie als grundlegend problematisch erachtet. Lecanemab sei schließlich das erste Medikament, das den Erkrankungsverlauf selbst beeinflusse. Während die positiven Effekte symptombehandelnder Mittel beim Absetzen sofort verschwänden, blieben sie bei Lecanemab bestehen. Man vergleicht hier, so könnte man salopp formulieren, einen Feuerlöscher mit einem Ventilator – beide kühlen, aber nur einer bekämpft den Brand.
Nur wenige Hundert Patienten werden derzeit behandelt
Die Realität der Lecanemab-Therapie in Deutschland ist ohnehin ernüchternd. Von den geschätzten 30.000 bis 60.000 Patienten, für die das Mittel grundsätzlich infrage käme, werden derzeit gerade einmal einige Hundert damit behandelt. Der Grund liegt nicht allein im Preis, sondern im enormen logistischen Aufwand: Halbtägige Infusionssitzungen alle zwei Wochen, neuropsychologische Tests, Laboruntersuchungen und verpflichtende Kontrollen per Kernspintomograph – ein Procedere, das viele Kliniken und niedergelassene Ärzte schlicht nicht stemmen können oder wollen. Die tatsächlichen Kosten der Begleituntersuchungen übersteigen die Erstattungssätze bei Weitem.
1,8 Millionen Demenzkranke – und ein System, das versagt
In Deutschland leben aktuell mehr als 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung, rund zwei Drittel davon leiden an Alzheimer. Für diese Menschen und ihre Familien ist die Nachricht ein weiterer Schlag ins Gesicht. Während andere Länder innovative Therapieansätze fördern und zugänglich machen, droht Deutschland einmal mehr, sich durch bürokratische Hürden und ein starres Bewertungssystem selbst ins Abseits zu manövrieren.
G-BA-Vorsitzender Josef Hecken bemüht sich zwar um Schadensbegrenzung und betont, „kein Zusatznutzen" bedeute nicht, dass der Wirkstoff nutzlos sei. Neue Daten des Herstellers könnten künftig möglicherweise einen Zusatznutzen belegen. Tatsächlich seien bereits etliche Medikamente ohne anfänglich belegten Zusatznutzen auf dem deutschen Markt verblieben – etwa gegen Diabetes oder Krebs –, bei denen später doch ein solcher nachgewiesen werden konnte.
Doch diese Hoffnung klingt hohl, wenn man bedenkt, dass auch für den zweiten Alzheimer-Wirkstoff Donanemab (Handelsname Kisunla), über den der G-BA Mitte April entscheiden will, das IQWiG ebenfalls keinen Zusatznutzen sieht. Es zeichnet sich ein Muster ab, das für die Betroffenen nichts Gutes verheißt.
Privatpatienten und Selbstzahler als letzte Hoffnung?
Sollte Lecanemab tatsächlich vom deutschen Markt verschwinden, blieben nur wenige Optionen: Behandlungen im Rahmen von Studien an Hochschulambulanzen, finanziert über Drittmittel, oder der Weg über Internationale Apotheken – für Selbstzahler zu internationalen Preisen. Eine Zwei-Klassen-Medizin, die man in einem Land, das sich gerne als Sozialstaat rühmt, eigentlich nicht akzeptieren sollte. Ob private Krankenversicherungen die Kosten übernehmen werden, ist derzeit noch völlig unklar.
Man muss kein Zyniker sein, um festzustellen: In einem Gesundheitssystem, das Milliarden für fragwürdige Projekte ausgibt und gleichzeitig an der Versorgung von 1,8 Millionen Demenzkranken spart, stimmen die Prioritäten nicht mehr. Die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz wäre gut beraten, hier genauer hinzuschauen – bevor die nächste medizinische Innovation an der deutschen Bürokratie zerschellt, noch ehe sie ihre Wirkung entfalten konnte.

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