
Blackout an der Nordsee: Eine falsche Klemme legt 40.000 Haushalte lahm!

Der schwerste Stromausfall in der Geschichte Schleswig-Holsteins soll durch ein einziges falsch montiertes Bauteil ausgelöst worden sein. Das hat der Netzbetreiber SH Netz am Mittwoch im Umwelt- und Agrarausschuss des Kieler Landtags erklärt. Rund 40.000 Haushalte an der Westküste saßen im Dunkeln. Viele Betroffene dürften auf einem Teil ihrer Schäden sitzen bleiben.
Wie Dübel und Schraube, die nicht zusammenpassen
Benjamin Merkt, technischer Vorstand der SH-Netz-Mutter HanseWerk, schilderte den Ablauf. Eine Verbindungsklemme an einer Hochspannungsleitung habe nicht zum Durchmesser des Leitungsseils gepasst. Er verglich das mit einer falschen Kombination aus Dübel und Schraube. Das Seil sei gerissen, auf einen Strommast gestürzt und habe einen Kurzschluss ausgelöst.
Danach kam es noch schlimmer. Nach Darstellung des Unternehmens nahm das abgetrennte Netz eine ungünstige Form an, außerdem gab es Defekte in Umspannwerken. Die Überspannung hätte im 110-Kilovolt-Netz bleiben müssen. Sie gelangte aber bis in die Steckdosen der Bürger. Merkt sprach von einem „Jahrhundert-Kurzschluss“.
Montiert hat die Klemme laut SH Netz ein beauftragter Dienstleister, und zwar schon 2023 bei Seilzugarbeiten. Bei der Überprüfung des damals erneuerten Abschnitts habe man weitere falsch montierte Klemmen gefunden. Die letzte davon sei inzwischen ausgetauscht. Weitere Fragen zur Ursache beantwortete das Unternehmen Berichten zufolge mit Verweis auf die Sicherheit nicht.
Pfusch oder Pech?
Ob das Wort „Jahrhundert-Kurzschluss“ die Sache trifft, ist umstritten. FDP-Politiker Christopher Vogt sprach von einem Baufehler und menschlichem Versagen. Energiewendeminister Tobias Goldschmidt (Grüne) widersprach. Das Netz hänge nicht an einer einzelnen Klemme, es sei vielmehr eine Verkettung unglücklicher Umstände gewesen.
Genau dieser Punkt beunruhigt aber. Wenn ein Netz für Ausfälle einzelner Bauteile ausgelegt ist, warum ist es dann trotzdem so weit gekommen? Der frühere Hamburger Umweltsenator Fritz Vahrenholt hält es für möglich, dass die große Menge Windstrom den Zusammenbruch begünstigt habe. In der Region gebe es die höchste Dichte an Windrädern in Deutschland. Rund um Dithmarschen werde etwa fünfmal so viel Windstrom erzeugt wie vor Ort verbraucht. Das sei auch um den 17. Oktober so gewesen. Belegt ist dieser Zusammenhang bislang nicht. Die Frage sollte trotzdem geprüft werden.
Waschmaschine, Wärmepumpe, Kläranlage: Die Schäden
Bei SH Netz sind bisher rund 3.500 Schadensmeldungen eingegangen, mit Forderungen in Millionenhöhe. Kaputt sind Waschmaschinen und Geschirrspüler, aber auch Wärmepumpen, Heizungen und Schaltschränke. In mehreren Seniorenwohnanlagen fiel die Heizung aus. Eine Kläranlage und ein Wasserwerk wurden beschädigt. Landwirte melden Folgeschäden durch ausgefallene Melkmaschinen.
Bezahlt wird nur der Zeitwert
Die Versicherung des Netzbetreibers ersetzt nach dessen Angaben nur den Zeitwert der Geräte, nicht den Neupreis. Bei Wärmepumpen, die von der Politik jahrelang gefördert wurden, kann das teuer werden. Wird nur die defekte Platine getauscht, droht nach Medienberichten zudem der Verlust der Garantie für das ganze Gerät.
Zuerst will SH Netz die Fälle mit mehr als 5.500 Euro Schaden bearbeiten. Erste Zahlungen sollen bald kommen. Wann alle Fälle erledigt sind, sagt das Unternehmen nicht. Wer wenig verdient und auf eine kleinere, aber für ihn trotzdem schmerzhafte Erstattung wartet, muss sich also gedulden.
Die Landesregierung erhöht den Druck
Innenministerin Magdalena Finke (CDU) verlangt, dass SH Netz mehr zahlt als die Versicherung. Zeitwert und Neuwert lägen teilweise „sehr weit auseinander“, sagte sie dem NDR. Als mögliche Hilfen nannte sie Berichten zufolge Bürgschaften und Darlehen. Der Vorstand will das mit der Regierung besprechen, stehe dabei aber noch am Anfang.
„Als Energieaufsicht schaue ich da sehr genau hin.“
Das sagte Goldschmidt. Bis Ende November muss SH Netz einen Bericht vorlegen. Danach will das Land prüfen, was sich ändern muss, damit sich so etwas möglichst nicht wiederholt.
Die Menschen an der Westküste haben zwei Dinge gelernt: Die Versorgungssicherheit hängt mitunter an einem kleinen Bauteil. Und im Schadensfall bleibt am Ende oft der Bürger auf einem Teil der Kosten sitzen. Wer vorsorgt, mit Notvorräten und finanziellen Rücklagen, ist besser dran.
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