
Digitale Kinderfallen: Wie Instagram und YouTube eine Generation in die Sucht treiben

Es ist ein Prozess, der die gesamte Tech-Branche in ihren Grundfesten erschüttern könnte. In Los Angeles steht erstmals in der Geschichte der amerikanischen Justiz die Frage im Raum, ob Social-Media-Giganten ihre Plattformen bewusst als Suchtmaschinen konstruiert haben – mit verheerenden Folgen für die Jüngsten unserer Gesellschaft. Was sich dort vor den Geschworenen entfaltet, liest sich wie die Anklageschrift gegen eine Industrie, die Kinderseelen auf dem Altar der Klickzahlen opfert.
Eine gestohlene Kindheit
Die unter den Initialen KGM auftretende Klägerin war gerade einmal sechs Jahre alt, als sie begann, YouTube-Videos zu konsumieren. Kurz darauf folgte ein Instagram-Account – Jahre bevor sie das vorgeschriebene Mindestalter erreicht hatte. Snapchat und TikTok kamen hinzu. Heute, mit 20 Jahren, steht sie vor Gericht und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Konzerne hinter diesen Plattformen. Die Apps seien gezielt als „Fallen" für junge Nutzer konzipiert worden, so die Klägerin. Das sogenannte „endlose Scrollen", bei dem mit einer einzigen Fingerbewegung immer neue Inhalte nachgeladen werden und der Strom an Beiträgen niemals versiegt, habe sie in einen Strudel aus Depressionen, Angstzuständen und massiver Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper gezogen.
Besonders perfide: Instagram-Filter, die das Aussehen von Menschen in Fotos künstlich verändern, hätten bei der jungen Frau ein derart verzerrtes Selbstbild erzeugt, dass sie regelrecht „ausgeflippt" sei, als jemand ein unbearbeitetes Foto von ihr veröffentlichte. Die Algorithmen hätten ihr zudem absurde Diät-Ratschläge serviert – etwa nur eine Gurke pro Tag zu essen. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Eine Maschine füttert ein Kind mit selbstzerstörerischen Inhalten, und die Konzerne dahinter waschen ihre Hände in Unschuld.
Milliardenschweres Déjà-vu: Parallelen zur Tabakindustrie
Der Prozess in Los Angeles ist weit mehr als ein Einzelfall. Er fungiert als Testballon für hunderte vergleichbare Klagen, die sich in der amerikanischen Justiz-Pipeline stauen. Nicht ohne Grund ziehen Beobachter in den USA Parallelen zu den legendären Prozessen gegen die Tabakindustrie, in denen den Konzernen nachgewiesen wurde, dass sie ihren Kunden das Suchtpotenzial von Zigaretten bewusst verschwiegen hatten. Am Ende zahlten die Tabakgiganten Milliarden und mussten ihre Werbung drastisch einschränken. Steht den Tech-Konzernen ein ähnliches Schicksal bevor?
Snapchat und TikTok scheinen die Zeichen der Zeit erkannt zu haben – beide Unternehmen einigten sich wenige Wochen vor Prozessbeginn auf einen Vergleich mit der Klägerin. Instagram und YouTube hingegen wollen die Vorwürfe vor Gericht ausfechten. Meta-Chef Mark Zuckerberg soll persönlich in den Zeugenstand treten. Instagram-Chef Adam Mosseri bestritt bereits, dass Social-Media-Plattformen klinisch süchtig machten. Nutzer könnten zwar „süchtig wie nach einer Fernsehserie" werden, aber das sei keine echte Sucht. Eine bemerkenswert dreiste Argumentation, die an die Beschwichtigungsrhetorik der Zigarettenhersteller in den 1960er Jahren erinnert.
Die juristische Schlüsselfrage: Section 230
Im Zentrum des Rechtsstreits steht die berüchtigte Section 230 – jene amerikanische Regelung, die Plattformen weitgehend vor der Haftung für nutzergenerierte Inhalte schützt. Ohne diesen juristischen Schutzschild wäre der Aufstieg von Facebook, YouTube und Co. in dieser Form kaum denkbar gewesen. Die Verteidigung argumentierte erwartungsgemäß, dass etwaige Schäden durch Inhalte anderer Nutzer verursacht worden seien – nicht durch die Plattformen selbst.
Doch Richterin Carolyn Kuhl wischte dieses Argument vom Tisch. Es gebe durchaus eine Haftung für Schäden, die auf das Design der Funktionen selbst zurückgingen. Im vorliegenden Fall lägen Hinweise vor, dass Instagram-Funktionen die Klägerin zu zwanghaftem Video-Konsum verleitet hätten. Eine wegweisende Entscheidung, die das Fundament der Tech-Industrie ins Wanken bringen könnte.
Wo bleibt der Schutz unserer Kinder?
Meta kontert mit dem Verweis, die Klägerin habe bereits vor ihrer Social-Media-Nutzung unter „erheblichen und schwierigen Herausforderungen" gelitten. Die psychischen Probleme gingen auf familiäre Zerrüttung und Misshandlungen zurück. Zudem sei bei ihr keine Social-Media-Sucht diagnostiziert worden. Ein YouTube-Anwalt ging sogar so weit zu behaupten, die Videoplattform gehöre gar nicht zur Kategorie sozialer Medien, sondern sei eher ein Streaming-Dienst wie Disney+ oder Netflix. Man fragt sich unwillkürlich, ob diese Juristen ihre eigenen Argumente mit ernstem Gesicht vortragen können.
Während in den USA die Gerichte über die Verantwortung der Tech-Konzerne streiten, hat Australien bereits Fakten geschaffen: Seit Mitte Dezember gilt dort ein striktes Social-Media-Verbot für alle unter 16 Jahren. Auch die EU-Kommission hat TikTok ins Visier genommen und in einer vorläufigen Untersuchung festgestellt, dass die Video-App durch stark personalisierte Empfehlungen und automatisches Abspielen von Videos suchtfördernde Mechanismen einsetze, die gegen europäisches Recht verstoßen würden.
Deutschland hinkt hinterher
Und Deutschland? Hierzulande diskutiert man noch über ein mögliches Social-Media-Verbot für Kinder unter 14 Jahren, während eine ganze Generation bereits in den digitalen Kaninchenbau gefallen ist. Es ist bezeichnend für die Handlungsunfähigkeit der deutschen Politik, dass andere Länder längst konkrete Maßnahmen ergriffen haben, während man in Berlin noch Arbeitsgruppen bildet und Expertengremien tagt. Die Frage, die sich jeder verantwortungsbewusste Bürger stellen muss, lautet: Wie viele Kindheiten müssen noch geopfert werden, bevor wir den Mut aufbringen, unsere Jüngsten vor den digitalen Suchtmaschinen zu schützen?
Dieser Prozess in Los Angeles könnte ein historischer Wendepunkt sein. Nicht nur für die Tech-Industrie, sondern für die gesamte Frage, welche Verantwortung Unternehmen gegenüber den verletzlichsten Mitgliedern unserer Gesellschaft tragen. Die traditionelle Familie – Vater, Mutter, gemeinsame Mahlzeiten, echte Gespräche – war einst der natürliche Schutzwall gegen solche Gefahren. Dass dieser Schutzwall in vielen Haushalten längst geschleift wurde, macht die Sache nur noch dringlicher. Es wird Zeit, dass wir uns wieder auf das besinnen, was wirklich zählt: den Schutz unserer Kinder vor einer Industrie, die aus ihrer Aufmerksamkeit Milliarden schöpft.

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