
Erdgas-Schock: Nahostkrieg treibt Gaspreise um 25 Prozent in die Höhe – droht ein neues 2022?

Was viele Beobachter seit Monaten befürchtet haben, ist nun bittere Realität geworden. Nach den massiven Angriffen Israels und der USA auf den Iran explodiert der europäische Erdgaspreis förmlich. Zum Wochenauftakt schoss die Notierung des richtungweisenden TTF-Terminkontrakts an der Amsterdamer Börse auf bis zu 39,85 Euro je Megawattstunde – ein Anstieg von rund 25 Prozent gegenüber dem Freitagsschluss. Ein derartiger Preissprung wurde zuletzt im August 2023 verzeichnet.
Die Straße von Hormus: Europas verwundbare Achillesferse
Der Auslöser dieser dramatischen Entwicklung liegt auf der Hand. Am Wochenende hatten Israel und die USA koordinierte Militärschläge gegen den Iran durchgeführt, bei denen unter anderem das Staatsoberhaupt und Religionsführer Ajatollah Ali Chamenei getötet worden sein soll. Die Reaktion Teherans ließ nicht lange auf sich warten: Gegenangriffe und – weitaus folgenreicher für die globale Energieversorgung – eine Einschränkung des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus.
Diese schmale Meerenge zwischen dem Iran und der Arabischen Halbinsel ist eine der wichtigsten Lebensadern des weltweiten Energiehandels. Wer hier den Daumen drauflegt, würgt den globalen Rohstofffluss ab. Und genau das geschieht nun.
Goldman Sachs warnt: Verdopplung des Gaspreises möglich
Die Analysten der US-Investmentbank Goldman Sachs zeichnen ein düsteres Bild. Sollte der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus auch nur für einen einzigen Monat zum Erliegen kommen, könnte sich der europäische Gaspreis nach deren Einschätzung mehr als verdoppeln. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Gaspreise jenseits der 80-Euro-Marke – Dimensionen, die an die schlimmsten Tage nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine 2022 erinnern.
Zwar wird ein Großteil des Erdgases aus der Golfregion nach Asien geliefert und nicht direkt nach Europa. Doch der globale Energiemarkt funktioniert wie ein System kommunizierender Röhren. Fällt eine Quelle aus, verschärft sich der Wettbewerb um alternative Bezugsquellen – und die Preise steigen überall, auch in Europa.
Europas Gasspeicher: Besorgniserregend niedrig
Besonders brisant ist die Lage, weil die europäischen Gasvorräte nach dem Winter auf vergleichsweise niedrigem Niveau liegen. Der Kontinent steht vor der gewaltigen Aufgabe, in den kommenden Sommermonaten massive Mengen an Flüssiggas zu importieren, um die Speicher vor dem nächsten Winter wieder aufzufüllen. Ein Unterfangen, das unter normalen Umständen bereits herausfordernd genug wäre – unter den aktuellen geopolitischen Bedingungen könnte es zur Herkulesaufgabe werden.
Deutsche Verbraucher: Wann trifft die Preisexplosion an?
Für den deutschen Verbraucher gibt es vorerst einen kleinen Trost: Wegen langfristiger Lieferverträge dauert es üblicherweise einige Wochen bis Monate, bis Energieversorger Preisänderungen im Großhandel an Privatkunden weiterreichen. Doch dieser Puffer ist trügerisch. Sollte der Konflikt andauern – und danach sieht es derzeit aus –, werden die höheren Beschaffungskosten unweigerlich bei den Haushalten ankommen.
Man erinnere sich: Bereits im Januar dieses Jahres hatte der Gaspreis die 40-Euro-Marke zeitweise überschritten, als niedrige Temperaturen und geringe Speicherfüllstände zusammentrafen. Damals beruhigte sich die Lage im Februar wieder, die Preise sanken auf etwa 30 Euro je Megawattstunde. Diesmal jedoch ist der Preistreiber kein vorübergehendes Wetterphänomen, sondern ein militärischer Konflikt mit unabsehbarer Eskalationsdynamik.
Deutschlands fatale Energieabhängigkeit rächt sich erneut
Die aktuelle Krise legt einmal mehr schonungslos offen, wie verwundbar Deutschland und Europa in ihrer Energieversorgung sind. Nach dem selbstverschuldeten Abschneiden von russischem Pipelinegas hat sich der Kontinent in eine noch größere Abhängigkeit von globalen LNG-Lieferketten manövriert – Lieferketten, die nun durch geopolitische Verwerfungen am Persischen Golf bedroht werden. Die ideologisch getriebene Energiewende der vergangenen Jahre, die Abschaltung der letzten deutschen Kernkraftwerke, die Verteufelung fossiler Energieträger ohne belastbare Alternativen – all das rächt sich nun bitter.
Bundeskanzler Merz, der sich laut Berichten bereits skeptisch zu den Angriffen auf den Iran geäußert haben soll, steht vor einer diplomatischen Gratwanderung. Einerseits will er die Verbündeten USA und Israel nicht brüskieren, andererseits muss er die wirtschaftlichen Interessen Deutschlands schützen. Dass er morgen ins Weiße Haus reist, dürfte unter diesen Umständen deutlich schwieriger werden als sein harmonischer Antrittsbesuch vor neun Monaten.
Gold und Edelmetalle: Der sichere Hafen in stürmischen Zeiten
In Zeiten wie diesen zeigt sich einmal mehr der unschätzbare Wert physischer Edelmetalle als Vermögenssicherung. Während Energiepreise explodieren, Aktienmärkte nervös reagieren und die Inflation durch steigende Rohstoffkosten neuen Auftrieb erhält, bewähren sich Gold und Silber als das, was sie seit Jahrtausenden sind: ein verlässlicher Anker in geopolitischen Krisen. Wer sein Portfolio mit physischen Edelmetallen diversifiziert hat, dürfte in den kommenden Wochen deutlich ruhiger schlafen als jene, die ausschließlich auf volatile Papierwerte gesetzt haben.
Rund 30.000 deutsche Reisende sitzen derweil in der Golfregion fest oder können an internationalen Flughafen-Drehkreuzen nicht umsteigen. Ein weiteres Symptom einer Welt, die zunehmend aus den Fugen gerät – und ein Mahnmal dafür, dass Stabilität und Sicherheit keine Selbstverständlichkeiten sind.
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