
Erst die Frage nach dem Glauben, dann die Fäuste: Schock in Schöneberg

Ein 60-jähriger Mann sitzt am Samstagabend auf einer Parkbank in Berlin-Schöneberg und wird kurz darauf zusammengeschlagen. Den Angaben der Polizei zufolge fragte ihn ein Unbekannter, ob er Jude sei. Der Mann sagte ja, und der Fremde schlug zu. Jetzt ermittelt der Staatsschutz.
Ein Gespräch, das in Gewalt endet
Was die Berliner Polizei am Sonntag mitteilte, erschüttert. Der 60-Jährige wurde auf seiner Bank von einem Fremden angesprochen. Mitten im Gespräch soll der Mann wissen gewollt haben, ob sein Gegenüber jüdisch sei.
Nach dem bisherigen Ermittlungsstand sei das Gespräch nach der Antwort gekippt. Der Unbekannte habe den Mann antisemitisch beschimpft, ihn dann mit einem Faustschlag zu Boden gestreckt und weiter auf ihn eingeprügelt. Er habe erst aufgehört, als ein Zeuge die Polizei rief.
Der 60-Jährige erlitt eine Platzwunde und Blutergüsse im Gesicht. Seine Brille und sein Mantel gingen kaputt. Der Täter ist bislang nicht gefasst. Der Staatsschutz des Berliner Landeskriminalamts ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung mit antisemitischem Hintergrund.
Kein Einzelfall, sondern ein Muster
Wer glaubt, das sei ein trauriger Ausreißer, irrt. Fast im Wochentakt berichten Medien aus der Hauptstadt über ähnliche Fälle. Einmal soll ein Mann einem 48-Jährigen ins Gesicht gespuckt haben, der eine Kippa trug und mit seinen zwei Kindern unterwegs war. Ein anderes Mal sollen Männer eine Frau auf ihren Davidstern angesprochen und sie danach mit einer Glasflasche angegriffen haben.
Auch die Zahlen sind deutlich. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS) zählte für 2024 genau 2.521 antisemitische Vorfälle in der Hauptstadt und damit doppelt so viele wie im Jahr davor. In den Jahren vor dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 lag der Schnitt bei etwa 1.000 Fällen pro Jahr.
Für 2025 meldet RIAS Berlin 2.197 Vorfälle. Das ist zwar etwas weniger, aber die Zahl bleibt auf sehr hohem Niveau. Darunter waren eine versuchte Tötung am Denkmal für die ermordeten Juden Europas und 39 weitere körperliche Angriffe. Auf eine echte Entspannung deutet nichts hin.
Wo bleibt der Schutz?
Mehr als 80 Jahre nach dem Ende der Schoa müssen Juden in Deutschland wieder Angst haben, ehrlich zu sagen, wer sie sind. Auf einer Parkbank. Mitten in Berlin. Die Politik nennt den Schutz jüdischen Lebens gern „Staatsräson“. Doch wie viel ist dieses Wort wert, wenn ein Mann für ein einfaches Ja blutig geschlagen wird?
Aus Sicht unserer Redaktion ist dieser Angriff auch eine Folge politischer Versäumnisse. Seit Jahren gibt es Warnungen und Lagebilder, aber zu oft folgte nur ein „Nie wieder“ in Sonntagsreden. Die Kriminalstatistik meldet bundesweit Höchstwerte, und viele Bürger fühlen sich im öffentlichen Raum nicht mehr sicher. Viele Kritiker sehen darin das Ergebnis einer Sicherheits- und Integrationspolitik, die Probleme lange schöngeredet hat, statt sie entschlossen anzugehen.
Was jetzt passieren muss
Die Bundesregierung unter Friedrich Merz hatte eine harte Linie bei der inneren Sicherheit angekündigt. An Fällen wie diesem wird sich zeigen, ob sie das auch umsetzt. Dafür braucht es mehr Polizei auf der Straße, schnelle Verfahren und Urteile, die abschrecken.
Bei aller Wut verdient einer besonderen Respekt: der Zeuge, der nicht weggeschaut hat. Er hat die Polizei gerufen und damit womöglich Schlimmeres verhindert. Er hat getan, was man von jedem Bürger erwarten darf und vom Staat erst recht.
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