
Fratzschers Goldverkauf-Fantasie: Wenn Ökonomen das Tafelsilber der Nation verscherbeln wollen

Es ist ein Vorschlag, der wie ein Donnerschlag durch die wirtschaftspolitische Landschaft hallt: Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), möchte ausgerechnet an die heiligste aller Reserven der Bundesrepublik heran – an das deutsche Gold. Während die Energiekrise infolge der blockierten Straße von Hormus die Preise in die Höhe treibt und die deutsche Wirtschaft zwischen Inflationsdruck und Nullwachstum zerrieben wird, präsentiert der Top-Ökonom seine Lösung: Man möge doch bitte einen Teil der rund 3.350 Tonnen deutschen Goldes verkaufen, um die Krisenfolgen abzufedern.
Das Sparschwein der Nation – nur ein Notgroschen?
Fratzscher selbst spricht im Interview von einem "riesigen Sparschwein für Krisen" und beziffert den Wert der deutschen Goldreserven auf knapp 440 Milliarden Euro. Doch genau hier offenbart sich die ganze ökonomische Naivität dieses Vorschlags. Wer Goldreserven, die über Jahrzehnte mühsam aufgebaut wurden, mit einem Sparschwein vergleicht, das man im Notfall einfach zerschlagen kann, hat die Funktion dieser Reserven offenbar nicht verstanden – oder will sie aus politischem Kalkül nicht verstehen.
Die Bundesbank verwaltet diese Bestände nicht aus nostalgischen Gründen. Das Gold sichert Vertrauen, garantiert Geldwertstabilität und gibt Deutschland in echten Krisenfällen Handlungsfähigkeit. 1.710 Tonnen lagern in Frankfurt, 1.236 Tonnen in New York und rund 404 Tonnen in London. Es ist die zweitgrößte Goldreserve der Welt, nur übertroffen von den USA. Ein Schatz, den unsere Vorfahren angehäuft haben, damit Deutschland in stürmischen Zeiten nicht ins Bodenlose fällt.
Markus Demary: "Erhebliche Risiken" und ein fatales Signal
Markus Demary, Finanzexperte am Institut der deutschen Wirtschaft (IW), bringt es auf den Punkt: Der Vorschlag berge "erhebliche Risiken". Die Reserven seien eben nicht dafür da, Zinsen abzuwerfen oder Haushaltslöcher zu stopfen. Sie hätten eine fundamentale Funktion: Vertrauen in die Stabilität der Währung zu stiften.
Demary warnt eindringlich vor der Signalwirkung eines solchen Schritts. Ein Goldverkauf würde, so seine Einschätzung, an Märkte und Bürger ein verheerendes Signal senden: Offenbar stehe es um die Finanzierung des deutschen Staates so schlecht, dass man bereits das Tafelsilber – beziehungsweise das Gold – verscherbeln müsse. Als befände sich Deutschland mitten in einer dramatischen Staatskrise.
"Im schlimmsten Fall werten Ratingagenturen das als Zeichen finanzieller Schwäche – mit Folgen für die Bonität. Und auch in der Bevölkerung könnte ein solcher Schritt Vertrauen zerstören."
Goldpreis auf Rekordniveau – ein Argument für den Verkauf?
Fratzscher führt als Argument den drastisch gestiegenen Goldpreis ins Feld. Tatsächlich kletterte der Preis pro Feinunze von rund 2.800 Euro im April vergangenen Jahres auf zuletzt etwa 4.000 Euro, Anfang 2026 sogar auf knapp 4.600 Euro. Doch was sagt uns dieser kometenhafte Anstieg? Er ist Beleg dafür, dass weltweit immer mehr Investoren, Notenbanken und Privatanleger das Vertrauen in Papierwährungen verlieren und in das einzig wirklich krisenfeste Gut flüchten, das die Menschheit seit Jahrtausenden kennt: physisches Gold.
Wer ausgerechnet jetzt verkaufen will, wenn das Edelmetall seine Bedeutung als ultimativer Vermögensschutz auf eindrucksvolle Weise unter Beweis stellt, dem sei dringend ein Blick in die Geschichtsbücher empfohlen. Die Schweizerische Nationalbank verkaufte zwischen 2000 und 2005 über 1.300 Tonnen Gold zu Spottpreisen – ein Milliardenverlust, den Schweizer Steuerzahler bis heute beklagen. Auch Großbritannien unter Gordon Brown verramschte Ende der 1990er Jahre über die Hälfte seiner Goldreserven zum absoluten Tiefpunkt. "Brown's Bottom" nennt man dieses Desaster heute spöttisch.
Die Unabhängigkeit der Bundesbank – ein bewusst hohes Hindernis
Selbst Fratzscher räumt ein, dass sein Vorschlag rechtlich kaum umsetzbar wäre. Die Bundesbank verwaltet die Währungsreserven unabhängig von Weisungen der Bundesregierung. Eine Sprecherin der Bundesbank stellte gegenüber t-online klar, dass weder Bundesregierung noch Finanzminister Goldverkäufe anordnen könnten. Zudem verweise das europäische Recht auf das Verbot der direkten Staatsfinanzierung durch Zentralbanken. Die Reserven dienten, wie die Sprecherin betone, "im Krisenfall" dazu, dringend benötigte Güter und Dienstleistungen in ausländischer Reservewährung zu bezahlen.
Diese Unabhängigkeit der Notenbank ist keine bürokratische Spitzfindigkeit, sondern eine über Jahrzehnte erkämpfte und bewährte Schutzmauer gegen politische Begehrlichkeiten. Wenn diese Mauer einmal fällt, wenn der Damm einmal bricht, dann ist der Weg in die hemmungslose Staatsfinanzierung durch die Hintertür geebnet. Demary fragt zu Recht: Wäre ein solcher Verkauf nicht der Einstieg in eine verdeckte Staatsfinanzierung – und würde damit nicht genau jene Unabhängigkeit der Bundesbank beschädigt, die als Schutzwall gegen politische Begehrlichkeiten gedacht ist?
Statt Gold zu verkaufen: Schuldenbremse aussetzen?
Bezeichnend ist, was Fratzscher als Alternative ins Spiel bringt: die erneute Aussetzung der Schuldenbremse. Damit hätte die Bundesregierung "Erfahrung" – als wäre das ein Qualitätsmerkmal! Während der Corona-Pandemie und nach Kriegsbeginn in der Ukraine wurde die Schuldenbremse bereits ausgehebelt. Nun also abermals neue Schulden auf die ohnehin schon erdrückenden Berge der Republik aufzutürmen? Die unter Friedrich Merz beschlossenen 500 Milliarden Euro Sondervermögen lassen grüßen – obwohl der Kanzler im Wahlkampf noch das Gegenteil versprochen hatte.
Die Logik mancher Ökonomen scheint simpel: Wenn das Geld knapp wird, verkauft man entweder das Familiensilber oder macht neue Schulden. Dass beides den Wohlstand kommender Generationen vernichtet, scheint dabei zweitrangig zu sein.
Warum physisches Gold mehr ist als nur ein Rohstoff
Die ganze Debatte zeigt einmal mehr, welch enormer Wert in physischem Gold steckt. Es ist kein Zufall, dass die Bundesbank im Krisenfall auf Gold zurückgreifen will, nicht auf Aktienpakete oder Staatsanleihen. Gold ist die ultimative Versicherung gegen das Versagen von Politik und Geldsystem. Was für eine Notenbank gilt, gilt erst recht für jeden privaten Anleger: Wer sein Vermögen langfristig sichern will, sollte einen Teil davon in physischen Edelmetallen halten – als Beimischung in einem breit gestreuten Anlageportfolio und als Schutzwall gegen die zunehmenden Verwerfungen der Finanzmärkte.
Die Argumentation der Goldverkaufsbefürworter offenbart letztlich das ganze Dilemma einer Politik, die jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt hat und nun panisch nach jedem Strohhalm greift. Statt das Familiensilber zu plündern, sollte man sich endlich der Wahrheit stellen: Deutschland muss sparen, Strukturen reformieren und seine Wirtschaft wieder wettbewerbsfähig machen. Das Gold der Bundesbank ist tabu – und das muss es auch bleiben.
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