
Gesundheit zwischen Shampoo und Seife: Wenn DrogeriemÀrkte zu Pseudo-Arztpraxen mutieren
Die Drogeriemarktkette dm wagt sich auf gefĂ€hrliches Terrain. Zwischen Waschmittel und Wimperntusche sollen Kunden kĂŒnftig ihre Netzhaut fotografieren, ihre Haut per KI analysieren und ihr Blut untersuchen lassen. Was als innovative Gesundheitsdienstleistung verkauft wird, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als fragwĂŒrdiges GeschĂ€ftsmodell, das die ohnehin angespannte Lage im deutschen Gesundheitswesen weiter verschĂ€rfen könnte.
Der schleichende Wandel vom Drogeriemarkt zur Gesundheitspraxis
Das Karlsruher Unternehmen testet derzeit in ausgewĂ€hlten Filialen ein Angebot, das selbst hartgesottene Kritiker der deutschen Gesundheitspolitik aufhorchen lĂ€sst. FĂŒr 14,95 Euro bekommen Kunden eine Netzhautfotografie samt Sehtest â durchgefĂŒhrt nicht etwa von ausgebildetem Fachpersonal, sondern in einer Box mitten zwischen Zahnpasta und Duschgel. Die KI-gestĂŒtzte Hautanalyse gibt es sogar kostenlos, vermutlich als Lockmittel fĂŒr die kostenpflichtigen Zusatzleistungen.
Besonders pikant: Der Berufsverband der Deutschen Dermatologen berichtet von einem Selbstversuch ihres PrĂ€sidenten Ralph von Kiedrowski, der eine falsche Diagnose erhielt â garniert mit Produktempfehlungen aus dem dm-Sortiment. Ein Schelm, wer dabei an geschickte Verkaufsstrategien denkt.
Ărzte schlagen Alarm â zu Recht
Die Kritik der ĂrzteverbĂ€nde fĂ€llt vernichtend aus. Sie monieren nicht nur die Nichteinhaltung fachlicher Standards, sondern warnen vor den Konsequenzen dieser Pseudo-Medizin. Besonders brisant sei der Einsatz von KĂŒnstlicher Intelligenz bei der Hautanalyse. Muttermale mit Verdacht auf schwarzen Hautkrebs könnten per Foto niemals seriös beurteilt werden â eine Tatsache, die dm geflissentlich zu ignorieren scheint.
"Eine nicht unerhebliche Anzahl an Patientinnen und Patienten, die Online-Hautchecks nutzen, können gar nicht abschlieĂend rein digital versorgt werden", warnt Kiedrowski eindringlich.
Die BefĂŒrchtung der Mediziner: Verunsicherte Kunden mit fehlerhaft auffĂ€lligen Befunden wĂŒrden die ohnehin ĂŒberlasteten Arztpraxen zusĂ€tzlich fluten. Ein Teufelskreis, der das deutsche Gesundheitssystem weiter an seine Grenzen bringen könnte.
Die fadenscheinige Verteidigung von dm
Sebastian Bayer, dm-GeschĂ€ftsfĂŒhrer im Ressort Marketing + Beschaffung, versucht die Wogen zu glĂ€tten. Man handle ja nicht medizinisch, sondern biete lediglich eine "ergĂ€nzende Orientierung". Die telemedizinische Behandlung werde "ausschlieĂlich von erfahrenen FachĂ€rzten" durchgefĂŒhrt. Doch diese Rechtfertigungen wirken wie der verzweifelte Versuch, ein fragwĂŒrdiges GeschĂ€ftsmodell schönzureden.
Der Verweis auf volle Praxen und monatelange Wartezeiten mag zwar die RealitĂ€t widerspiegeln, rechtfertigt aber keinesfalls die Verlagerung medizinischer Leistungen in die Konsumtempel der Nation. Hier wird ein strukturelles Problem des Gesundheitswesens â verursacht durch jahrelange Fehlpolitik der Bundesregierung â schamlos fĂŒr kommerzielle Zwecke ausgenutzt.
VerbraucherschĂŒtzer warnen vor gefĂ€hrlicher Entwicklung
Peter Grieble von der Verbraucherzentrale Baden-WĂŒrttemberg bringt es auf den Punkt: "Je gesundheitsrelevanter eine Thematik ist, desto mehr ist sie beim Arzt angesiedelt." Eine Krebsdiagnose sei nichts, was man "en passant" zwischen EinkaufstĂŒten machen könne.
Die Parallelen zu den umstrittenen IGeL-Leistungen sind unĂŒbersehbar. Doch wĂ€hrend diese wenigstens in einem medizinischen Umfeld stattfinden, degradiert dm die Gesundheitsvorsorge zum Shoppingerlebnis. Ein gefĂ€hrlicher PrĂ€zedenzfall, der Schule machen könnte.
Ein Blick in die dystopische Zukunft
WĂ€hrend Rossmann und MĂŒller die Entwicklungen "aufmerksam beobachten", scheint dm entschlossen, den Weg der Kommerzialisierung medizinischer Leistungen weiterzugehen. Die "Gesundheitswelt" als Shop-in-Shop-Konzept bei MĂŒller mit bis zu 120 Quadratmetern VerkaufsflĂ€che zeigt, wohin die Reise gehen könnte: Gesundheit als Lifestyle-Produkt, vermarktet zwischen NahrungsergĂ€nzungsmitteln und Apothekenkosmetik.
In einem Land, in dem die GroĂe Koalition unter Friedrich Merz trotz gegenteiliger Versprechen ein 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen plant und damit die Inflation weiter anheizt, wĂ€hrend gleichzeitig das Gesundheitssystem kollabiert, erscheint diese Entwicklung fast schon folgerichtig. Die BĂŒrger werden im Stich gelassen und sollen sich ihre Gesundheitsvorsorge nun beim Drogeriemarkt erkaufen.
Fazit: Ein gefÀhrlicher Irrweg
Was dm als Innovation verkauft, ist in Wahrheit ein Symptom des Versagens unserer Gesundheitspolitik. Statt das Problem an der Wurzel zu packen und fĂŒr ausreichend Ărzte und funktionierende Strukturen zu sorgen, ĂŒberlĂ€sst man das Feld kommerziellen Anbietern. Die Leidtragenden sind die BĂŒrger, die zwischen falschen Diagnosen, verunsichernden KI-Analysen und ĂŒberteuerten Pseudo-Untersuchungen ihre Gesundheit aufs Spiel setzen.
Es bleibt zu hoffen, dass die deutliche Kritik der ĂrzteverbĂ€nde und VerbraucherschĂŒtzer Wirkung zeigt. Denn eines ist sicher: Die Gesundheit der Menschen gehört in die HĂ€nde von Fachleuten â nicht zwischen Shampoo-Regale und Kassenbons.
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