
Insolvenzwelle rollt ungebremst: Traditionsunternehmen Atlas kämpft ums Überleben
Die deutsche Wirtschaft taumelt von einer Hiobsbotschaft zur nächsten. Mit der Atlas-Gruppe hat nun ein weiterer Traditionsbetrieb den Gang zum Insolvenzgericht antreten müssen – ein Unternehmen, das seit über einem Jahrhundert Bagger, Ladekrane und schweres Baugerät produziert. Rund 400 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Und Atlas ist bei weitem nicht allein.
100 Jahre Industriegeschichte am Abgrund
Die Atlas-Gruppe hat ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung eingeleitet. Bei dieser Variante bleibt das bisherige Management zwar im Amt, wird jedoch durch externe Sanierungsberater und einen gerichtlich bestellten Sachwalter flankiert. Das Ziel sei klar: Rettung statt Abwicklung. Doch wie realistisch ist das in einem Marktumfeld, das seit Monaten nur eine Richtung kennt – nach unten?
Als Ursache nennt das Unternehmen eine „seit längerem andauernde, branchenweite Marktschwäche in der Baumaschinen- und Bauwirtschaft". Die Auftragseingänge seien drastisch zurückgegangen, die Auslastung am Boden. Mit einem Jahresumsatz von zuletzt rund 150 Millionen Euro war Atlas kein kleiner Fisch – und genau das macht den Fall so symptomatisch für den Zustand der deutschen Industrie.
Eine Lawine, die nicht aufhört
Wer glaubt, Atlas sei ein Einzelfall, der irrt gewaltig. Allein in den ersten Wochen des Jahres 2026 reiht sich eine Insolvenz an die nächste. Die Hammer Raumstylisten GmbH, eine bundesweit bekannte Fachmarktkette für Raumausstattung mit 93 Standorten und 1.200 Beschäftigten, musste beim Amtsgericht Bielefeld Insolvenz anmelden – und das, obwohl die Märkte erst im Herbst von einem Investorenkonsortium übernommen worden waren. Kaum gekauft, schon pleite. Ein Trauerspiel.
Auch die August Bruns Landmaschinen GmbH in Cloppenburg traf es hart. 170 Arbeitsplätze hängen am seidenen Faden, weil Landwirte ihre Neuanschaffungen verschieben und die Nachfrage nach Landmaschinen regelrecht eingebrochen sei. Das 1948 gegründete Familienunternehmen hofft nun auf strategische Partnerschaften – ein Strohhalm, an den sich viele klammern.
Hotelbranche unter Druck
Besonders dramatisch stellt sich die Lage beim Hotelbetreiber Revo Hospitality dar, der früher unter dem Namen HR-Group firmierte. Rund 140 Gesellschaften im deutschsprachigen Raum sind betroffen – darunter namhafte Häuser wie das Pullman Schweizerhof in Berlin, Holiday-Inn-Hotels in München und diverse Mercure-Standorte. Gestiegene Lohnkosten, höhere Mindestlöhne, explodierende Mieten, Energiepreise und Lebensmittelkosten hätten das Unternehmen in die Knie gezwungen. Das Insolvenzgeld sei bis März gesichert. Danach? Ungewiss.
Zalando streicht 2.700 Jobs in Erfurt
Und als wäre das alles nicht genug, verkündete der DAX-Konzern Zalando die Schließung seines Logistikzentrums in Erfurt – des einzigen großen konzerneigenen Standorts dieser Art in Ostdeutschland. 2.700 Beschäftigte bangen um ihre Existenz. Das 2012 eröffnete Zentrum fällt einer „Neuausrichtung des europaweiten Logistiknetzwerks" zum Opfer, die nach der Übernahme des Online-Modehändlers About You eingeleitet wurde. Für Thüringen ist das ein schwerer Schlag – wirtschaftlich wie psychologisch.
Das Versagen der Politik wird sichtbar
Man muss kein Ökonom sein, um zu erkennen, dass hier etwas fundamental schiefläuft. Restrukturierungsexperten warnen bereits, dass 2026 einen deutlichen Anstieg der Insolvenzen großer Unternehmen bringen werde. „In manchen Branchen geht es mittlerweile nur noch ums reine Überleben", konstatiert ein Branchenkenner nüchtern. Und genau hier liegt der Kern des Problems.
Deutschland, einst das industrielle Kraftzentrum Europas, verliert seine Wettbewerbsfähigkeit in atemberaubendem Tempo. Die Energiekosten sind nach wie vor exorbitant hoch, die Bürokratie erstickt jede unternehmerische Initiative, und die Steuer- und Abgabenlast treibt Betriebe reihenweise in die Insolvenz. Während andere Länder – man denke an Frankreich, das gerade sechs neue Kernreaktoren plant – pragmatische Energiepolitik betreiben, hat man hierzulande jahrelang ideologiegetriebene Experimente auf dem Rücken der Wirtschaft ausgetragen.
Das von der neuen Bundesregierung unter Friedrich Merz aufgelegte 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen für Infrastruktur mag auf dem Papier beeindruckend klingen. Doch Schulden sind keine Lösung – sie sind eine Hypothek auf die Zukunft unserer Kinder und Enkel. Was die deutsche Wirtschaft braucht, sind nicht neue Schuldenberge, sondern echte Entlastung: niedrigere Energiepreise, weniger Bürokratie, geringere Steuern und eine Politik, die den Mittelstand nicht als Melkkuh betrachtet, sondern als das Rückgrat der Nation, das er ist.
Wenn Tradition allein nicht mehr reicht
Die Insolvenz der Atlas-Gruppe steht stellvertretend für ein ganzes Land, das seinen industriellen Kern verliert. Unternehmen, die Weltkriege, Wirtschaftskrisen und Wiedervereinigung überstanden haben, gehen nun reihenweise unter – nicht weil ihre Produkte schlecht wären, sondern weil die Rahmenbedingungen am Standort Deutschland schlicht nicht mehr konkurrenzfähig sind. Wer 100 Jahre lang Baumaschinen produziert hat und nun aufgeben muss, der ist kein schlechter Unternehmer. Der ist Opfer einer Politik, die Wohlstand als selbstverständlich betrachtet und systematisch die Grundlagen dafür zerstört.
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