
Kinder auf dem Regenbogen-Wagen: Immoscout24 rudert zurück – und schweigt zum Kern des Skandals

Es gibt Bilder, die brauchen keinen Kommentar mehr. Ein Festwagen beim Berliner Christopher Street Day, das Logo eines der größten Immobilienportale Deutschlands gut sichtbar, ein Mann, der sein Hinterteil entblößt und dabei ein Pappschild mit der Aufschrift „Anal?“ in die Höhe hält – und daneben, auf dem Arm eines Erwachsenen, ein Kind. Ein Video dieser Szene ging durchs Netz, und die Empörung war beträchtlich. Nun, Tage später, hat sich das Unternehmen zu einer Stellungnahme durchgerungen. Doch wer gehofft hatte, dass darin das eigentliche Problem benannt würde, wurde enttäuscht.
Eine Erklärung, die alles offenlässt
Das Verhalten in der gezeigten Szene, insbesondere das Auftreten eines Mitarbeiters, entspreche nicht den Werten des Hauses und werde in keiner Weise toleriert, teilte der Konzern am Mittwoch mit. Man arbeite den Vorfall intern auf. Wer im Namen des Unternehmens auftrete, müsse dessen Werte vertreten – das gelte insbesondere für Führungskräfte.
Klingt entschlossen. Ist es aber nicht. Denn offen bleibt, von welchem Mitarbeiter sich das Unternehmen eigentlich distanziert: von jenem, der sich entblößte und das Schild hochhielt? Von jenem, der das Kind auf dem Arm hatte und überhaupt mitbrachte? Ob es sich um Führungspersonal handelt, wird ebenfalls nicht gesagt. Und – das ist der eigentliche Skandal in dieser Presseerklärung – zur Anwesenheit eines Minderjährigen auf diesem Wagen fällt kein einziges Wort. Als hätte es das Kind nie gegeben.
Wer eine Woche braucht, um sich von einem entblößten Gesäß zu distanzieren, aber kein Wort zum Kind daneben findet, hat das Problem nicht verstanden – oder will es nicht verstehen.
Erst „Kinder dürfen mitfahren“, dann Krisenkommunikation
Bemerkenswert ist der Verlauf. Auf eine erste journalistische Nachfrage einer Berliner Tageszeitung hieß es telefonisch noch, Kinder dürften auf dem CSD-Wagen selbstverständlich mitfahren. Eine schriftliche Stellungnahme? Wollte man zunächst nicht abgeben. Erst als der öffentliche Druck stieg, kam das übliche Textbaustein-Repertoire: Vielfalt, Offenheit, gegenseitiger Respekt, ausdrückliche Unterstützung des CSD. Dazu, pflichtschuldig, ein Gedenken an die Opfer des islamistischen Anschlags, der die diesjährige Veranstaltung überschattete.
Man kann das Krisenkommunikation nennen. Man kann es auch nennen, was es ist: der Versuch, mit maximaler Haltungsrhetorik ein minimales Eingeständnis zu kaschieren.
Die immer gleiche Debatte – und die immer gleichen Ausreden
Dass Kinder auf Umzügen dieser Art zwischen Fetischkleidung, nackter Haut und sexualisierten Gesten herumgeführt werden, ist kein neues Phänomen. Kritiker aus dem Kinder- und Jugendschutz halten das für unzumutbar und juristisch mindestens fragwürdig. Die Veranstalter halten dem entgegen, solche Darstellungen gehörten zur Geschichte der queeren Bewegung und beträfen ohnehin nur einen kleinen Teil des Zuges.
Ein interessantes Argument. Man stelle sich vor, ein Volksfestbetreiber würde einwenden, die Schnapsleiche am Rand des Festzelts sei ja nur ein kleiner Teil der Veranstaltung. Der Verweis auf Traditionen einer politischen Bewegung ersetzt keine Abwägung, ob ein sechsjähriges Kind auf einen Wagen gehört, auf dem Erwachsene Schilder mit Sexualpraktiken hochhalten. Kinderschutz ist keine Verhandlungsmasse für Imagekampagnen.
Wenn Konzerne Politik spielen
Hier zeigt sich ein Muster, das weit über einen einzelnen Festwagen hinausreicht. Unternehmen haben in den vergangenen Jahren entdeckt, dass sich gesellschaftspolitische Symbolik hervorragend als Marketing verwerten lässt. Das Regenbogen-Logo im Juni, die Betroffenheitsformel im Juli, das Diversity-Kapitel im Geschäftsbericht. Solange alles glattgeht, kostet es nichts. Geht es schief, entdeckt man plötzlich wieder „interne Aufarbeitung“ und „Werte“.
Was dabei verloren geht, ist ein Maßstab, der früher selbstverständlich war: dass Erwachsene Kinder vor Dingen schützen, die sie weder verstehen noch verarbeiten können. Dass es Räume für Erwachsene gibt und Räume für Familien – und dass diese Trennung kein Ausdruck von Engstirnigkeit ist, sondern von Verantwortung. Wer diesen Unterschied heute noch benennt, muss damit rechnen, als rückständig etikettiert zu werden. Das sagt weniger über die Kritiker als über den Zustand der Debatte.
Fazit: Der Skandal ist nicht das Schild, sondern das Schweigen
Man wird sehen, ob die angekündigten Konsequenzen mehr sind als eine Formulierung für die Presse. Entscheidend aber bleibt: Ein Unternehmen, das sich lautstark auf Werte beruft, hätte die Gelegenheit gehabt, den einen Satz zu sagen, auf den es angekommen wäre – dass Kinder auf einem solchen Wagen nichts zu suchen haben. Dieser Satz fehlt. Und genau das ist die eigentliche Nachricht.
Es ist bezeichnend für ein Land, in dem Haltung inzwischen wichtiger geworden ist als Verantwortung. Ein Großteil der Bürger dürfte das ähnlich sehen – auch wenn es kaum jemand mehr laut sagt.
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