
Kochsalz statt Lithium: Europas letzte Chance im Batteriekrieg?

Eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Batteriezellfertigung (FFB) sorgt in der Branche für Aufsehen: Natrium-Ionen-Batterien – im Kern nichts anderes als Technik auf Basis von gewöhnlichem Kochsalz – stünden unmittelbar vor der industriellen Massenproduktion. Für Europa könnte das die Chance sein, die erdrückende Abhängigkeit von asiatischen Lieferketten zu lockern. Doch China ist längst schon wieder einen Schritt voraus.
Ein Rohstoff, der praktisch überall liegt
Der Reiz der Technologie liegt nicht in Rekordwerten bei der Energiedichte – da hinkt Natrium dem Lithium bislang nach. Der Vorteil ist banal und gerade deshalb strategisch: Natrium ist das siebthäufigste Element der Erdkruste und praktisch unbegrenzt verfügbar.
Und zwar auch hierzulande. Als Abbauorte gelten unter anderem das deutsche Zechstein-Salzlager, Kłodawa in Polen, Twente in den Niederlanden und das britische Cheshire. Auch das Anodenmaterial Hartkohle lässt sich innerhalb der EU herstellen.
Rickard Arvidsson, Dozent für Umweltsystemanalyse an der Technischen Hochschule Chalmers in Göteborg, hält es für vernünftig, Massenprodukte auf reichlich vorhandene Ressourcen in der Nähe zu stützen – im besten Fall bis zur Selbstversorgung. Die Zellen seien günstiger zu produzieren und kälteresistenter; statt teurem Kupfer genügt Aluminium als Stromkollektor.
85 Prozent aus China – ein Klumpenrisiko
Die Ausgangslage ist ernüchternd. Rund 85 Prozent aller Lithium-Ionen-Batterien der Welt entstehen laut den vorliegenden Angaben in China. Der globale Batteriemarkt wuchs im vergangenen Jahr um 20 Prozent auf 150 Milliarden Dollar – Pekings Hebel wird also größer, nicht kleiner.
Uwe Sauer von der RWTH Aachen, einer der führenden deutschen Batterieforscher, benennt die Ursachen deutlich. Europas Unternehmen seien durch Bürokratie, Trägheit und falsche Ausrichtung ins Hintertreffen geraten.
„China war klug genug, schnell weltweit Vereinbarungen zu schließen, um die Kontrolle über die Wertschöpfungsketten zu erlangen“
Schon 2022 räumte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ein, dass fast 90 Prozent der Seltenen Erden und 60 Prozent des Lithiums in China verarbeitet würden. Die Antwort aus Brüssel: der Critical Raw Materials Act, mindestens 25 Prozent des Jahresbedarfs an kritischen Rohstoffen sollen bis 2030 aus Recycling stammen. Ob Zielvorgaben allein Fabriken bauen, ist die offene Frage.
Peking baut, Europa prüft
Während in Europa Studien entstehen, liefert China Produkte. Im Februar stellten CATL und Changan Automobile den Nevo A06 vor – beschrieben als weltweit erstes seriengefertigtes Elektroauto mit Natrium-Ionen-Batterie. Rund 45 Kilowattstunden Kapazität, bis zu 400 Kilometer Reichweite nach chinesischer CLTC-Messung, 175 Wattstunden pro Kilogramm. Medienberichten zufolge soll der Serienstart der Naxtra-Zellen noch in diesem Jahr erfolgen.
Ganz ohne Schattenseiten ist auch Salz nicht: Beim Lösungsabbau wird Wasser ins Lager gepumpt, tritt Salzlake aus, können Chloridwerte in Grundwasser und Böden stark steigen. Verglichen mit Kupfer-, Lithium- oder Kohleabbau gilt die Gewinnung dennoch als weniger belastend.
Die Lehre für Anleger und Bürger
Arvidsson mahnt: Politik und Industrie müssten sich rasch entscheiden. Aus Sicht unserer Redaktion ist das die eigentliche Nachricht – Technologievorsprung nutzt nichts, wenn Genehmigungsverfahren länger dauern als Produktzyklen. Wer über Rohstoffe verfügt, verfügt über Macht. Das gilt für Salz und Lithium ebenso wie für Gold und Silber, die als physische Sachwerte seit Jahrhunderten der Absicherung dienen.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Wir geben keine Kauf- oder Verkaufsempfehlungen. Jeder Leser trifft seine Anlageentscheidungen eigenverantwortlich und sollte sich selbst umfassend informieren.
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