
Kopf-an-Kopf in Sofia: Bulgariens Präsidentin muss in die Stichwahl!

Bulgarien hat am Sonntag, dem 25. Oktober, ein neues Staatsoberhaupt gewählt, aber noch keinen Sieger. Amtsinhaberin Ilijana Jotowa liegt nach Hochrechnungen des Instituts Alpha Research mit knapp 35 Prozent vorn. Herausforderer Andrej Gjurow, früherer Ministerpräsident, kommt auf knapp 33 Prozent. Weil niemand die absolute Mehrheit erreicht hat, entscheidet am 1. November eine Stichwahl.
Vom sicheren Sieg zum Zitterspiel
Für Jotowa ist das Ergebnis eine kalte Dusche. Medienberichten zufolge hatten Umfragen vor der Wahl ihr einen Vorsprung von 12 bis 17 Prozentpunkten vorhergesagt. Am Wahlabend blieb davon wenig übrig. Je nach Institut trennen die beiden Bewerber zwischen 0,8 und 5,5 Punkte. Ein Institut sah Gjurow sogar knapp vorn.
Dazu kommt eine Wahlbeteiligung, die man nur als Alarmsignal lesen kann. Berichten zufolge gaben weniger als 40 Prozent der rund 6,6 Millionen Wahlberechtigten ihre Stimme ab, ein Rekordtief. Wer sich darüber wundert, sollte sich die letzten Jahre ansehen. Seit 2021 haben die Bulgaren achtmal ein neues Parlament gewählt. Viele sind schlicht wahlmüde.
Radews Machtapparat stottert
Formal treten beide als unabhängige Kandidaten an. Hinter Jotowa steht aber das Mitte-Links-Lager von Rumen Radew. Er war im Januar als Präsident zurückgetreten, um selbst Regierungschef zu werden, und Jotowa rückte als seine Stellvertreterin ins höchste Staatsamt nach. Radews Allianz „Progressives Bulgarien“ gewann im April die Parlamentswahl, er regiert seitdem als Premier.
Ein halbes Jahr später wirkt der Glanz verflogen. Meinungsforscher schätzen laut Medienberichten, dass Jotowa auf rund 500.000 Stimmen kommt. Radews Bündnis hatte im April noch etwa 1,4 Millionen geholt. Ein führender Abgeordneter des Regierungslagers räumte ein, man habe die Menschen nicht ausreichend mobilisiert. Selbstkritik nach einem Wahlabend ist selten. Hier war sie wohl kaum zu vermeiden.
Moskau oder Brüssel? Es geht um den Kurs des Landes
Die Stichwahl ist weit mehr als ein Duell zweier Personen. Jotowa setzt Berichten zufolge auf Dialog mit Moskau und lehnt Militärhilfe für die Ukraine ab. Gjurow, ehemaliger Vizegouverneur der Bulgarischen Nationalbank, steht für eine klare Westbindung. Als Übergangspremier im Frühjahr 2026 unterzeichnete er ein Sicherheitsabkommen mit Kiew. Unterstützt wird er vom bürgerlich-liberalen Bündnis PP-DB.
Wie dringend die Frage ist, zeigen die vergangenen Wochen. Vor der bulgarischen Schwarzmeerküste sollen mehrere Handelsschiffe von Drohnen getroffen worden sein. Der Krieg in der Ukraine ist damit buchstäblich an Bulgariens Strand angekommen. Auch die hohen Energiepreise, die Inflation und die Korruption bewegen die Wähler. Bulgarien ist das ärmste Land der EU und zahlt erst seit dem 1. Januar 2026 mit dem Euro.
Wer entscheidet das Finale?
Auf Platz drei landete mit rund zwölf Prozent Kostadin Kostadinow, Chef der prorussischen Partei „Wiedergeburt“. Seine Wähler könnten den Ausschlag geben. Genauso wichtig sind die Anhänger der konservativen GERB von Ex-Premier Bojko Borissow. Er hat sich bislang für keinen der beiden Kandidaten ausgesprochen. Laut Wahlforschern stimmte aber schon im ersten Durchgang ein großer Teil der GERB-Wähler für Gjurow.
Mehr Macht, als das Amt vermuten lässt
Das Präsidentenamt gilt in Bulgarien zwar als weitgehend repräsentativ. Der Präsident ist aber Oberbefehlshaber der Streitkräfte, kann gegen Gesetze ein Veto einlegen und ernennt in Krisen die Übergangsregierungen. In einem Land, das von einer Regierungskrise in die nächste stolpert, ist das ein echter Machthebel.
Am 1. November wählt Bulgarien damit auch eine Richtung. Für Europa und für Deutschland ist das wichtig: Sofia sitzt mit am Tisch, wenn in der EU und der NATO über Sanktionen, Ukraine-Hilfen und die Sicherheit am Schwarzen Meer entschieden wird. Ein knappes Rennen ist sicher, ein klarer Ausgang nicht.
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