
Nach 50 Jahren: Alice Schwarzer zieht bei der „Emma“ den Stecker!

Ein Stück deutsche Pressegeschichte geht zu Ende. Alice Schwarzer stellt ihr feministisches Magazin „Emma“ ein, die Ausgabe vom 8. Dezember 2026 soll die letzte sein. Nach fast einem halben Jahrhundert und knapp 400 Heften nennt die Kölnerin einen Grund, der fast menschlich klingt: Erschöpfung.
Kein Pleite-Aus, sondern Müdigkeit
Bekannt gegeben wurde das Ende in der aktuellen Ausgabe des Zweimonatshefts. Sie trägt den selbstbewussten Titel „Wir Emmas haben Geschichte geschrieben“. Anfang Dezember soll dann eine Jubiläumsausgabe mit doppeltem Umfang erscheinen. Danach gibt es kein gedrucktes Heft mehr.
Bemerkenswert ist, dass es laut Schwarzer nicht am Geld liegt. Wie die Nachrichtenagentur dpa berichtet, räumte sie zwar ein, die Auflage sinke. Die Einnahmen deckten aber weiterhin die Ausgaben. Ein Blatt, das sich über Abos selbst trägt, ganz ohne Zwangsbeitrag: Davon könnte sich manches gebührenfinanzierte Funkhaus eine Scheibe abschneiden.
Sechs Frauen und eine „Mörderarbeit“
Im Interview mit der „Zeit“ erklärte die Chefredakteurin, warum sie aufhört:
„Weil wir diesen Job mit einem kleinen Team von sechs Leuten seit Jahrzehnten machen. Und auch, weil wir ein bisschen ermattet sind.“
Den Anstoß habe vor drei Jahren die dienstälteste Redakteurin gegeben. Sie habe kündigen wollen, um noch eine Weltreise zu machen. Schwarzer sagt dazu: „Mir war bewusst, wenn meine älteste Redakteurin wegbricht, dann wackelt der Laden.“
Eine Nachfolgerin habe sich schon seit den 90er-Jahren nicht gefunden. Den Posten der Chefredakteurin nennt Schwarzer „eine Mörderarbeit“ und „undankbar“. Viele Familienunternehmer in Deutschland kennen das Problem: Das Lebenswerk steht, aber niemand will es übernehmen.
Unbequem, gerade für das eigene Lager
Die erste „Emma“ erschien am 26. Januar 1977 mit einer Startauflage von 200.000 Exemplaren. Ab 1987 sorgte die „PorNO“-Kampagne gegen Pornografie für Schlagzeilen. Schon 1971 hatte Schwarzer hinter den Kulissen maßgeblich die berühmte „Stern“-Titelgeschichte „Wir haben abgetrieben!“ vorangetrieben. Mit Simone de Beauvoir war sie befreundet.
Ihre Kritik am Islam passte aber nie zum linken Zeitgeist. Früher als viele andere griff die „Emma“ frauenfeindliche Seiten des Islam an. Schwarzer erntete dafür zum Teil heftige Angriffe. Im „Zeit“-Interview wiederholte sie: „Ich halte den Islamismus für den Faschismus des 21. Jahrhunderts.“ Auch die aktuelle Ausgabe enthält laut Inhaltsverzeichnis ein Dossier über Islamismus, einen Beitrag zum „Cancel-Wahn“ und einen kritischen Text über den Trend, „trans“ zu sein.
Dazu kam ihr Einsatz für schnelle Friedensverhandlungen im Ukraine-Krieg, teils zusammen mit Sahra Wagenknecht. 2024 sagte sie laut Medienberichten, jede fünfte Leserin habe deshalb ihr Abo gekündigt. Die „taz“ schreibt nun sogar, die „Emma“ habe dem Feminismus zuletzt mehr geschadet als genutzt. Das zeigt, wie weit sich Teile der Linken von ihrer früheren Ikone entfernt haben.
Was von der „Emma“ bleibt
Ganz verschwindet die Marke nicht. „Emma Online“ soll als „Forum für feministische Information, Kommunikation und Aktion“ weitermachen. Die gesamten Redaktionsbestände gehen an das Deutsche Literaturarchiv Marbach. Den Abschied will das Team in der Pariser Brasserie La Coupole mit Champagner feiern.
Wie stark Print geschrumpft ist, zeigen die Zahlen: Aus 200.000 Exemplaren zum Start wurden 2023 nach Verlagsangaben gut 25.600 verbreitete Hefte. Schwarzer selbst, Jahrgang 1942, hofft, die Kämpfe gegen Prostitution, Essstörungen und Islamismus zeigten, „dass es sich lohnt, zu kämpfen“.
Man muss nicht jede ihrer Positionen teilen, um den Verlust zu sehen. Mit der „Emma“ verschwindet eine Stimme, die sich auch mit dem eigenen Lager anlegte. Solche Stimmen sind in Zeiten von Meinungsblasen selten geworden. Schwarzer sagt es so: „Und wir machen uns nichts vor: Die Emma wird uns furchtbar fehlen.“
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