
Papierkrieger statt Krisenmanager: Wie Deutschlands Bundesländer den Ernstfall verschlafen

Der Berliner Blackout hätte ein Weckruf sein können. Ein Moment der Besinnung, in dem sich Verantwortliche fragen: Was geschieht, wenn Sabotage, Kälte und Systemversagen erneut zusammentreffen? Doch wer die Antworten der Bundesländer auf entsprechende Anfragen studiert, erkennt schnell: Der Ernstfall wird weiterhin als Verwaltungsproblem behandelt – nicht als gesellschaftliche Realität, die jeden einzelnen Bürger betreffen kann.
Bayern: Die Kunst der rhetorischen Beschwichtigung
Das bayerische Innenministerium teilt mit, es lägen „keine konkreten Gefahrenhinweise" vor. Eine Formulierung, die Sicherheit suggeriert, ohne sie tatsächlich zu gewährleisten. Dass kritische Infrastrukturen „abstrakt gefährdet" seien, gilt schließlich immer – und damit letztlich nie. Die abstrakte Gefährdung ist der rhetorische Zustand maximaler Bequemlichkeit, der die Behörden zu praktisch nichts verpflichtet.
Besonders entlarvend wirkt der stolze Verweis auf das Krisenmanagement beim Heizwerksausfall in Nürnberg 2021. Doch dieser Vergleich hinkt gewaltig: Ein technischer Defekt ist reparierbar, lokalisierbar und zeitlich begrenzt. Sabotage während einer Dunkelflaute hingegen ist systemisch, potenziell flächendeckend und politisch motiviert. Sie trifft auf eine Gesellschaft, die auf Dauerbetrieb optimiert ist und bei der kleinsten Störung ins Wanken gerät.
Das große Verschieben der Verantwortung
Was sich wie ein roter Faden durch alle Antworten zieht, ist die systematische Verschiebung der Verantwortung. Für den physischen Schutz der Netze sind die Betreiber zuständig. Für Pflegeheime die Träger. Für Evakuierungen zunächst die Einrichtungen selbst. Für die Wärmeversorgung der Bevölkerung – niemand so wirklich.
Der Staat erscheint weniger als Garant denn als Moderator von Zuständigkeiten. Er koordiniert, mahnt und plant, aber er stellt nicht sicher. Dass Bayern explizit darauf verweist, eigene Landesstandards für den physischen Schutz von Stromnetzen vermeiden zu wollen, um keine „abweichenden Vorgaben" zu schaffen, ist bezeichnend. Einheitlichkeit schlägt Vorsorge – eine Prioritätensetzung, die im Ernstfall Menschenleben kosten könnte.
Das KRITIS-Dachgesetz als politische Fernbedienung
Das geplante KRITIS-Dachgesetz des Bundes fungiert dabei wie eine bequeme Ausrede. Man verweist auf etwas, das noch nicht gilt, um heute nichts ändern zu müssen. Eine Strategie, die man aus der deutschen Politik nur allzu gut kennt: Probleme werden nicht gelöst, sondern in die Zukunft verschoben.
Sachsen: Ehrlicher, aber nicht besser vorbereitet
Sachsens Innenminister Armin Schuster räumt immerhin ein, dass hochprofessionelle Täter auch dort Erfolg haben könnten. Allein diese Aussage hebt sich wohltuend von der bayerischen Selbstgewissheit ab. Doch auch hier folgt auf das Problembewusstsein vor allem eines: die Rhetorik der Ankündigung.
„Für Sachsen werden wir eine Risikogefahrenanalyse machen."
Eine neue Analyse soll erstellt werden. Konzepte existieren. Arbeitsgruppen tagen. Planungsunterlagen wurden fortgeschrieben. Das ist nicht nichts – aber es ist auch kein Schutz. Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die sogenannten Katastrophenschutz-Leuchttürme: In Sachsen gibt es sie noch gar nicht. Ein Konzept soll erst 2026 veröffentlicht werden. Das ist keine Vorsorge, das ist Verwaltung im Futur II – wir werden vorbereitet gewesen sein.
Brandenburg: Sicherheit durch Schweigen
Am radikalsten fällt die Antwort aus Brandenburg aus. Ja, es gibt eine Risiko- und Gefahrenanalyse. Nein, sie ist nicht öffentlich. Mehr könne man leider nicht sagen. Das ist die Sprache der Abschottung. In einer Demokratie, die auf Vertrauen angewiesen ist, wirkt sie wie ein Rückzug in den Aktenkeller.
Gerade nach einem realen Anschlag entfaltet dieses Schweigen eine eigene, beunruhigende Botschaft: Die Bevölkerung soll wissen, dass der Staat etwas weiß – aber nicht was. Transparenz sieht anders aus.
Die Illusion der Kontrollierbarkeit
Was all diese Antworten verbindet, ist ein Grundirrtum moderner Krisenpolitik: die Annahme, dass komplexe Systemkrisen sich wie Verwaltungsakte behandeln lassen. Als genüge es, Zuständigkeiten zu definieren, Pläne zu hinterlegen und auf Professionalität zu verweisen.
Doch Blackouts sind keine Verwaltungsereignisse. Sie sind soziale Ausnahmezustände. Sie betreffen nicht nur Netze, sondern Körper. Nicht nur Infrastrukturen, sondern Vertrauen. Eine frierende Stadt und ihre Bürger sind keine Excel-Tabelle, die man einfach neu sortieren kann.
Wärme als Privatangelegenheit
Dass die Wärmeversorgung für die Bevölkerung in den Konzepten kaum eine Rolle spielt, ist kein Zufall. Wärme wird als privat betrachtet. Wer sie verliert, wird verschoben – evakuiert, untergebracht, ausgelagert. Der Staat organisiert ruckartige Bewegungen im Notfall statt maximale Vorsorge. Eine Philosophie, die den Bürger im Ernstfall allein lässt.
Die bittere Lehre für jeden Einzelnen
Der Anschlag auf das Berliner Stromnetz war kein Betriebsunfall. Er war ein deutlicher Hinweis darauf, wie verletzlich eine hochvernetzte, verdichtete Gesellschaft ist – und wie sehr sie sich darauf verlässt, dass schon nichts passiert. Die Antworten der Länder zeigen unmissverständlich: Die eigentliche Vorsorge findet auf dem Papier statt. Die physische Realität – Kälte, Dunkelheit, Ausfall – bleibt ein theoretisches Szenario.
Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus Berlin: Nicht, dass wir unvorbereitet sind, sondern dass wir Vorbereitung mit Beruhigung verwechseln. Und Planung mit Schutz. Der Blackout ist gedacht, aber nicht durchlebt – jedenfalls nicht dort, wo die Entscheidungen getroffen werden.
Dem Bürger bleibt also nur die private Vorsorge. Wer klug ist, sorgt selbst vor: mit Notvorräten, alternativen Wärmequellen und – nicht zuletzt – mit der Absicherung seiner Ersparnisse durch krisenfeste Werte wie physische Edelmetalle. Denn wenn der Staat im Ernstfall versagt, ist jeder auf sich selbst gestellt. Gold und Silber haben in der Geschichte der Menschheit noch jede Krise überdauert – im Gegensatz zu den Papierkonzepten deutscher Behörden.
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