
Pappnarr gegen den Kreml: Düsseldorfer Wagenbauer kontert russisches Strafverfahren mit Karnevalssatire
Es gibt Geschichten, die so absurd klingen, dass sie nur wahr sein können. Ein 62-jähriger Wagenbauer aus Düsseldorf, bewaffnet mit Kleister, Pappmaché und rheinischem Humor, steht im Fadenkreuz der russischen Justiz. Und was tut er? Er baut einen Motivwagen. Man muss das erst einmal sacken lassen.
David gegen Goliath – mit Pappklatsche
Jacques Tilly, der legendäre Schöpfer der politischen Rosenmontagswagen in Düsseldorf, hat auf den gegen ihn in Moskau laufenden Strafprozess auf die einzige Art reagiert, die er kennt: mit Satire. Sein neuester Wagen zeigt einen grimmig dreinblickenden Wladimir Putin, der mit einem Schwert einen winzigen Narren aufspießt. Der kleine Kerl wehrt sich – mit einer Pappklatsche. „Es ist ein Duell mit sehr ungleichen Waffen", kommentierte Tilly das Werk mit der ihm eigenen Trockenheit. Seine Satire sei schließlich „nur aus Pappe, die kann nicht töten".
In Russland wird dem Künstler in Abwesenheit der Prozess gemacht. Die Vorwürfe: Verunglimpfung russischer Staatsorgane und Verletzung religiöser Gefühle. Schwere Geschütze also, die der Kreml gegen einen Mann auffährt, dessen schärfste Waffe ein Leimtopf ist. Tilly selbst bezeichnete das Verfahren als „Propagandaprozess eines totalitären Regimes" und gab an, über die Anklage noch nicht einmal offiziell informiert worden zu sein. Das Urteil stehe vermutlich ohnehin bereits fest – „viele, viele Jahre Straflager", wie er lakonisch mutmaßte.
Wenn Autokraten vor Pappmaché zittern
Was auf den ersten Blick wie eine karnevalistische Posse wirkt, offenbart bei genauerem Hinsehen eine tiefere Wahrheit über das Wesen autoritärer Regime. Denn dass ein Staat mit Atomwaffen, Geheimdiensten und einer der größten Armeen der Welt es für nötig hält, einen rheinischen Wagenbauer strafrechtlich zu verfolgen, sagt mehr über die Schwäche dieses Systems als über die Gefährlichkeit von Pappfiguren. Tilly selbst sieht in dem Verfahren denn auch eine Bestätigung seiner Arbeit. Der Prozess zeige, „dass Satire auch wehtut, dass Satire Sinn macht, dass Potentaten, Autokraten und Despoten tatsächlich Angst haben vor dem angstfreien Lachen der Menschen über sie."
Man mag von Tillys Wagen halten, was man will – und tatsächlich gehen die Meinungen weit auseinander, wie die Reaktionen in sozialen Medien zeigen. Manche sehen darin mutige Satire, andere empfinden es als geschmacklos und als bloßen Hass, verkleidet als Humor. Diese Debatte ist berechtigt und notwendig. Doch eines sollte man nicht vergessen: In Deutschland darf man solche Wagen bauen, ohne dafür ins Straflager zu wandern. Dieses Privileg der Meinungsfreiheit ist keine Selbstverständlichkeit – und es wird zunehmend fragiler, auch hierzulande.
Satire als Gradmesser der Freiheit
Denn während wir uns über russische Schauprozesse gegen Karnevalisten echauffieren, sollten wir den Blick auch nach innen richten. Wie steht es eigentlich um die Meinungsfreiheit in Deutschland? Wie frei darf Satire hierzulande noch sein? Die zunehmende Tendenz, missliebige Äußerungen durch soziale Ächtung, Canceln oder gar juristische Mittel mundtot zu machen, sollte jedem freiheitsliebenden Bürger zu denken geben. Der Unterschied zwischen einem russischen Strafprozess und einem deutschen Shitstorm mag graduell sein – die Richtung aber, in die sich beide bewegen, ist beunruhigend ähnlich.
Der Prozess in Moskau soll am 26. Februar fortgesetzt werden. Tilly wird nicht erscheinen – er hat Besseres zu tun. Zum Beispiel den nächsten Wagen bauen. Und vielleicht ist genau das die stärkste Antwort, die ein freier Mensch einem unfreien System geben kann: einfach weitermachen.

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