
Pass zeigen fürs Posten: Britischer Jugendbann trifft auch Erwachsene!

Großbritannien will Jugendlichen unter 16 Jahren den Zugang zu sozialen Netzwerken verbieten. Die Medienaufsicht Ofcom hat am 29. Oktober vorgelegt, wie die Kontrollen funktionieren sollen. Am Ende könnten Millionen Erwachsene ihren Ausweis zücken müssen, um Instagram, TikTok oder X weiter zu nutzen.
Datenschützer hatten seit Monaten genau davor gewarnt. Jetzt steht es schwarz auf weiß in einem amtlichen Papier.
Gesichtsscan allein reicht nicht
Die Plattformen schätzen das Alter ihrer Nutzer heute oft per Gesichtsscan. Laut Ofcom ist das zu ungenau, denn bei 16-Jährigen liege die Fehlerspanne bei einigen Jahren. Die Behörde setzt deshalb auf ein „Challenge Age“-Prinzip, ähnlich der Regel im Supermarkt, nach der beim Alkoholkauf nach dem Ausweis gefragt wird, wer jünger als 25 aussieht.
Wen die Software nicht klar auf der richtigen Seite der Grenze einordnet, muss ein zweites Mal ran. Als ausreichend wirksam gelten vier Verfahren:
- Abgleich von Pass oder Führerschein mit einem Live-Foto
- Altersdaten der eigenen Bank, mit Zustimmung des Kunden
- Digitale Identitätsdienste, bei denen man sich einmal ausweist und den Nachweis wiederverwendet
- Die Gesichtserkennung selbst, also gerade das schwächste Glied
Mildere Methoden wie Kreditkarten-Prüfung, Mobilfunk-Abfrage oder die Zustimmung der Eltern schließt Ofcom für die Altersgrenze von 16 Jahren aus.
Auch Erwachsene stehen in der Schlange
Ausgenommen sind nur Konten, zu denen die Plattform bereits verlässliche Altersdaten hat. Viele erwachsene Nutzer sollen nach den Plänen dennoch einen Altersnachweis erbringen. Ofcom zufolge besitzen rund 94 Prozent der Briten ab 16 einen Pass oder Führerschein. Etwa 150.000 Jugendliche im Alter von 16 und 17 Jahren haben keins von beiden und müssten sich wohl eines besorgen.
Die Bürgerrechtsgruppe Big Brother Watch reagierte noch am selben Tag mit scharfer Kritik:
„Dieser Plan für ein staatliches ‚Social-Media-Verbot‘ ist ein nationales Ausweissystem durch die Hintertür.“
Regierung und Ofcom hätten selbst eingeräumt, dass Kinder das Verbot umgehen würden, so die Gruppe. Der Plan werde die Anonymität im Netz zerstören.
Ausweisdaten als Beute für Kriminelle
IT-Sicherheitsexperten warnen vor einer weiteren Gefahr. Pieter Arntz vom Sicherheitsunternehmen Malwarebytes sagte dem Fachportal TechRadar, beim Abgleich mit Ausweisfotos würden hochsensible Dokumente zu einem attraktiven Ziel für Kriminelle. Er verweist auf ein Datenleck bei einem Dienstleister der Plattform Discord, bei dem Ausweisbilder von rund 70.000 Nutzern offengelegt worden seien. Sein Fazit: Wer sein Alter beweise, dürfe dafür nicht seine Identität preisgeben müssen.
Selbst die britische Datenschutzbehörde ICO mahnt, die Kontrollen müssten persönliche Daten schützen.
Ein Verbot mit eingebautem Leck
Ofcom-Chefin Melanie Dawes nennt das Vorhaben prägend für das künftige Online-Leben von Kindern. Zugleich räumt sie ein, dass entschlossene Jugendliche Wege drumherum suchen würden. Den Vergleich zieht sie selbst zum Alkoholverbot, das Trinken unter Jugendlichen ja auch nicht verhindere.
Australien zeigt, wie das in der Praxis aussieht. Dort gilt das Verbot seit dem 10. Dezember 2025. Drei Monate danach nutzten laut der dortigen Aufsichtsbehörde eSafety mehr als acht von zehn Teenagern weiterhin soziale Medien. Kontrolliert werden dafür alle, die Wirkung bleibt trotzdem überschaubar.
Brüssel zieht nach
Die britische Regierung hatte das Verbot am 15. Juni angekündigt, die Vorschriften sollen bis Weihnachten folgen, die Beschränkungen im Frühjahr 2027 greifen. Auch Deutschland ist betroffen: Mit dem geplanten „EU Kids Act“ will die EU-Kommission Kindern unter 13 Jahren soziale Netzwerke verbieten, eigene Konten soll es erst ab 15 geben. Die Plattformen sollen das Alter prüfen, als Werkzeug dafür ist die europäische Digital-Identitäts-Wallet vorgesehen, die Anfang 2027 auch hierzulande starten soll.
Der Kinderschutz ist ein berechtigtes Anliegen, daran zweifelt niemand. Kritiker fragen aber zu Recht, warum dafür unbescholtene Erwachsene ihre Ausweise bei Tech-Konzernen hinterlegen sollen. Bleibt am Ende ein Verbot, das Kinder leicht umgehen, während die Bürger ein Stück Privatsphäre verlieren?
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