
Pekings Masterplan: Wie China die Gunst der Stunde nutzt, um den Welthandel zu dominieren
Während Donald Trump mit seinen brachialen Zöllen die westliche Handelsordnung erschüttert, reibt sich Peking die Hände. Was auf den ersten Blick wie ein Handelskrieg zwischen zwei Supermächten aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als strategisches Schachspiel – und China scheint mehrere Züge voraus zu sein. Die Volksrepublik nutzt das von Trump geschaffene Chaos systematisch, um sich als unverzichtbarer Knotenpunkt des globalen Handels zu positionieren.
20 Freihandelsabkommen als Bollwerk gegen Washington
Peking verfolgt derzeit nicht weniger als 20 Freihandelsabkommen gleichzeitig – mit der Europäischen Union, den Golfstaaten, dem transpazifischen Handelspakt CPTPP und zahlreichen weiteren Partnern. Die Botschaft ist unmissverständlich: China will sich so tief in die globalen Handelsstrukturen einweben, dass eine Entkopplung für keinen Partner mehr wirtschaftlich tragbar wäre. „Unterbreche deinen Gegner nicht, wenn er gerade einen Fehler macht", soll ein chinesischer Beamter über Trumps disruptive Handelspolitik gesagt haben. Zynischer kann man die Lage kaum zusammenfassen.
Eine umfassende Auswertung von über 100 chinesischsprachigen Strategiepapieren staatlich geförderter Handelsexperten, verfasst seit 2017, offenbart einen systematischen Versuch, die amerikanische Handelspolitik zu durchleuchten und Washingtons Eindämmungsstrategie zu neutralisieren. Die Dokumente, die unter anderem von der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften und der Peking-Universität stammen, zeigen: Chinas Politikberater akzeptieren schmerzhafte Strukturreformen als Preis für die langfristige Dominanz im Welthandel.
Kanada als Türöffner – und Europa im Visier
Der erste sichtbare Erfolg dieser Strategie war das Abkommen mit Kanada während des Besuchs von Premierminister Mark Carney in Peking im Januar. Die drastische Senkung der Zölle auf chinesische Elektrofahrzeuge gilt als Blaupause für weitere Deals, die Washingtons Hebel brechen sollen. Dass ausgerechnet Kanada, Amerikas engster Handelspartner und USMCA-Mitglied, den Anfang machte, dürfte in Washington für erhebliche Verstimmung gesorgt haben.
Doch damit nicht genug. Chinas Außenminister Wang Yi überraschte europäische Verhandlungsführer im November, als er gegenüber seinem estnischen Amtskollegen die Möglichkeit eines Freihandelsabkommens mit Brüssel ins Spiel brachte. Einen Monat später drängte er den Golf-Kooperationsrat zum Abschluss langjähriger Verhandlungen. Der britische Premierminister Keir Starmer stimmte einer Machbarkeitsstudie für ein Dienstleistungsabkommen zu. Und selbst Bundeskanzler Friedrich Merz kündigte an, bei seinem China-Besuch „strategische Partnerschaften" anzustreben.
Ein europäischer Diplomat spricht von „reiner Propaganda"
Nicht alle lassen sich von Pekings Charmeoffensive blenden. Ein hochrangiger europäischer Handeldiplomat wies die chinesischen Avancen als „reine chinesische Propaganda" zurück und betonte, Brüssel habe keinerlei Pläne für ein Handelsabkommen. Die Skepsis ist durchaus berechtigt, denn man erinnere sich: Das 2020 unter Trumps erster Amtszeit ausgehandelte EU-China-Investitionsabkommen wurde 2021 eingefroren – wegen eines Streits über Menschenrechtssanktionen. Geschichte wiederholt sich bekanntlich gern.
Das Billionen-Dollar-Problem: Chinas gewaltiger Handelsüberschuss
Chinas ambitionierte Pläne haben jedoch einen gewaltigen Haken, der sich nicht einfach wegverhandeln lässt: den Handelsüberschuss von 1,2 Billionen Dollar. Dieser Überschuss ist für viele potenzielle Partner weniger ein Zeichen wirtschaftlicher Stärke als vielmehr eine existenzielle Bedrohung für die eigene Industrie. Pascal Lamy, ehemaliger WTO-Generaldirektor, brachte es auf den Punkt: Chinesische Firmen schickten mehr Waren nach Europa, als der Kontinent absorbieren könne. Wie es sein könne, dass ein so kluges Regime es nicht geschafft habe, sein Wirtschaftsmodell ins Gleichgewicht zu bringen, fragte er sich.
Diese Frage ist berechtigt – und sie sollte auch in Berlin gestellt werden. Denn während Friedrich Merz „strategische Partnerschaften" mit Peking sucht, kämpft die deutsche Industrie bereits mit den Folgen chinesischer Überproduktion. Die Automobilbranche, einst Deutschlands Kronjuwel, sieht sich einer Flut subventionierter Elektrofahrzeuge aus China gegenüber. Ob eine engere Anbindung an Peking wirklich im deutschen Interesse liegt, darf bezweifelt werden.
KI-gesteuerte Zollsysteme und digitale Infrastruktur als Waffen
Besonders bemerkenswert ist Chinas Vorstoß in die digitale Handelsinfrastruktur. An der vietnamesischen Grenze betreibt Peking einen sogenannten „Freundschaftshafen", an dem KI-gestützte Zollsysteme die Wartezeiten angeblich um 20 Prozent verkürzt haben sollen. China bietet diese Technologie nun aktiv Nachbarländern an – ein trojanisches Pferd der besonderen Art. Wer Chinas digitale Infrastruktur nutzt, wird sich kaum noch von ihr lösen können.
Das kürzlich aufgewertete Handelsabkommen mit den ASEAN-Staaten konzentriert sich gezielt auf KI-gestützten und digitalen Handel, wo China sich einen Erstanbietervorteil sichern will. Die Strategie ist so elegant wie beunruhigend: Nicht mehr nur Waren exportieren, sondern die Spielregeln des Handels selbst definieren.
Afrika als neues Spielfeld
Auch auf dem afrikanischen Kontinent baut China seine Position systematisch aus. Im Januar entsandte Peking seinen ranghöchsten Diplomaten in das winzige Lesotho – das Trump zunächst mit einem 50-Prozent-Zoll belegt hatte – um Entwicklungskooperation zuzusagen. Staatliche Medien verkündeten zudem, China werde Importe aus 53 afrikanischen Ländern zollfrei stellen. Während der Westen Afrika jahrzehntelang mit Entwicklungshilfe und moralischen Belehrungen überschüttete, kommt China mit Infrastrukturprojekten und Handelsabkommen – und gewinnt.
Trumps Zölle: Kurzfristiger Schmerz, langfristiger Vorteil für Peking?
Die große Ironie dieser Entwicklung liegt darin, dass ausgerechnet Trumps aggressive Zollpolitik – 20 Prozent auf EU-Importe, 34 Prozent auf China – Peking in die Karten spielen könnte. Denn je mehr Washington seine Handelspartner verprellt, desto attraktiver erscheint China als Alternative. Ein amerikanischer Beamter konterte zwar, es überrasche niemanden, dass Länder mit großen Handelsüberschüssen die Globalisierung aufrechterhalten wollten. Trump behebe die Probleme, die die Globalisierung für die USA verursacht habe. Doch diese Argumentation greift zu kurz.
Die chinesischen Strategiepapiere empfehlen ausdrücklich, Washingtons „Waffenisierung" internationaler Institutionen zu studieren und die Lücken auszunutzen, die Trumps Bereitschaft schafft, multilaterale Organisationen wie die WTO zu umgehen oder aufzugeben. Es ist ein Lehrstück in strategischer Geduld – eine Tugend, die dem Westen zunehmend abhandengekommen zu sein scheint.
„In der Auseinandersetzung mit dem strategischen Wettbewerb der USA sollte ‚Anti-Entkopplung' Chinas primärer Fokus werden."
– Ni Feng, Forscher am Institut für Amerikastudien der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften, 2024
Was bedeutet das für Deutschland und Europa?
Für Deutschland und Europa stellt sich eine unbequeme Frage: Zwischen zwei Supermächten eingeklemmt, die beide primär ihre eigenen Interessen verfolgen, droht der alte Kontinent zum Spielball zu werden. Trumps Zölle treffen die deutsche Exportwirtschaft hart, während Chinas Überproduktion die heimische Industrie untergräbt. Die neue Große Koalition unter Friedrich Merz steht vor der Herausforderung, einen eigenständigen Kurs zu finden – ohne sich von Washington gängeln oder von Peking vereinnahmen zu lassen.
Dass Merz „strategische Partnerschaften" mit China anstrebt, mag pragmatisch klingen. Doch Pragmatismus ohne klare rote Linien ist nichts anderes als Naivität. Die Geschichte des eingefrorenen EU-China-Investitionsabkommens sollte als Warnung dienen. Peking spielt ein langes Spiel – und wer sich darauf einlässt, ohne die eigene Position zu stärken, wird am Ende den Kürzeren ziehen.
In Zeiten solch fundamentaler geopolitischer Verwerfungen erweist sich einmal mehr, dass physische Edelmetalle wie Gold und Silber als krisenfeste Vermögenssicherung ihre Berechtigung haben. Wenn Handelsordnungen wanken und Währungen unter Druck geraten, bieten sie jenen Anker, den weder Zölle noch Freihandelsabkommen erschüttern können.
Hinweis: Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar. Jede Investitionsentscheidung sollte auf eigener, gründlicher Recherche basieren. Für individuelle Anlageentscheidungen ist jeder Leser selbst verantwortlich. Wir übernehmen keinerlei Haftung für finanzielle Entscheidungen, die auf Grundlage dieses Artikels getroffen werden.

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