
PFAS aus Windrädern: Brüssel drückt sich vor der Antwort

Ewigkeitschemikalien aus Rotorblättern, Getrieben und Hydraulikleitungen – und eine EU-Kommission, die abwartet. Der österreichische FPÖ-Europaabgeordnete Gerald Hauser wollte im Juli per parlamentarischer Anfrage wissen, was Brüssel gegen PFAS-Emissionen aus Windkraftanlagen unternimmt. Die Antwort kam am 4. September von Industriekommissar Stéphane Séjourné – und sie fiel für den Fragesteller enttäuschend aus.
Mehr als 200 Chemikalien in Luft, Boden und Grundwasser?
Hauser argumentiert, PFAS steckten unter anderem in den Beschichtungen der Rotorblätter, die im Betrieb ständigem Abrieb ausgesetzt seien. Hinzu kämen Getriebe, Schmierstoffe, Hydraulikflüssigkeiten und Kabelisolierungen. Nach seiner Darstellung gelangten dadurch mehr als 200 Chemikalien in Luft, Boden, Gärten, Oberflächengewässer und Grundwasser.
Der Abgeordnete verwies zudem darauf, dass Dänemark und Schweden bei bestimmten PFAS deutlich strengere Grenzwerte gesetzt hätten – nach seinen Angaben bei einem Fünfundzwanzigstel beziehungsweise einem Fünfzigstel der EU-Werte. Zu diesem Vergleich äußerte sich die Kommission in ihrer Antwort nicht.
Die Kommission verweist – und wartet
Séjourné verwies auf den Beschränkungsvorschlag für alle PFAS, den fünf nationale Behörden eingebracht haben und den derzeit die Europäische Chemikalienagentur ECHA prüft. Diese Prüfung erfasse den Energiesektor, aber keine einzelne Technologie wie die Windkraft. Solange die wissenschaftliche Bewertung ausstehe, könne die Kommission den Umgang mit PFAS in Windrädern nicht einschätzen.
„Sofern keine in Bezug auf Leistung und Sicherheit gleichwertigen Alternativen zur Verfügung stehen, kann die weitere Verwendung von PFAS […] gestattet werden, bis akzeptable Ersatzstoffe gefunden sind.“
Wie lange das dauern kann, zeigt der Zeitplan: Der Vorschlag liegt seit rund drei Jahren in Helsinki. Öffentlich verfügbaren Informationen zufolge wurde die Stellungnahme des Risikoausschusses RAC erst im März 2026 finalisiert, eine Konsultation zum Entwurf des sozioökonomischen Ausschusses SEAC lief bis Ende Mai 2026 – die Endfassung soll bis Jahresende folgen. Bürokratie im Zeitlupentempo.
Branche widerspricht: Nur ein Tropfen im Fass?
Die Windkraftbranche sieht das anders. Das Unternehmen JUWI verweist darauf, dass PFAS die Beschichtungen der Rotorblätter gerade stabiler machten und so den Abrieb verringerten. Auf den gesamten Energiesektor entfielen rund 55 Tonnen PFAS-Emissionen pro Jahr – gegenüber etwa 70.000 Tonnen in allen Sektoren der EU. Den größten Block bilden demnach mit 38.806 Tonnen fluorierte Treibhausgase aus Kälte-, Klima- und Dämmtechnik.
Hauser nannte die Reaktion aus Brüssel einen „politischen Offenbarungseid“ und kritisierte, es sei absurd, Alternativen zu PFAS fördern zu wollen und gleichzeitig seit Jahren den Windkraftausbau zu forcieren. Er kündigte weitere Nachfragen an.
Was über PFAS bekannt ist
PFAS umfasst laut Bundesumweltministerium mehr als 10.000 extrem langlebige Industriestoffe; bei bestimmten Vertretern seien gesundheitsschädliche Wirkungen nachgewiesen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung sprach im Juni von einer „ewigen Herausforderung“: Aufgenommen werde vor allem über Fisch, Fleisch, Milch und Eier, bekannte Effekte seien unter anderem erhöhte Blutfettwerte, ein Anstieg eines Leberenzyms und ein vermindertes Geburtsgewicht. Im Sommer 2024 warnten Experten in Rheinland-Pfalz vor dem Verzehr stark belasteter Wildschweinleber.
Aus Sicht unserer Redaktion zeigt der Fall ein vertrautes Muster: Wo die Energiewende politisch gesetzt ist, wird unangenehmen Fragen mit Verfahrensverweisen begegnet. Wer wirklich Vorsorge will, verlangt Messdaten – nicht Geduld.
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