
Rom kehrt zur Kernkraft zurück – und Berlin schaut zu, wie das eigene Netz bröckelt
Während in Deutschland die letzten Kühltürme gesprengt wurden, als gäbe es dafür eine Prämie, geht Italien den umgekehrten Weg. Ende Juli 2026 hat Rom den entscheidenden Schritt getan: Das Land, das seine Reaktoren 1987 im Schockzustand nach Tschernobyl abschaltete, will ab 2033 wieder Atomstrom produzieren. Nicht mit gigantischen Betonburgen, sondern mit kleinen modularen Reaktoren – sogenannten SMR. Die Regierung unter Giorgia Meloni nennt drei nüchterne Gründe: steigender Stromverbrauch, Klimaziele und die unangenehme Abhängigkeit von Energieimporten. Man könnte auch sagen: Realismus.
Ein Rechtsrahmen im Eiltempo
Die Abgeordnetenkammer billigte das Rahmengesetz am 4. Juni 2026, der zuständige Senatsausschuss beendete seine Beratungen am 22. Juli. Fehlt noch das Plenum. Danach hat die Regierung zwölf Monate Zeit, die Details zu regeln: Genehmigungsverfahren, Sicherheitsstandards, Abfallbehandlung. Ein nationales Programm soll den gesamten nuklearen Lebenszyklus ordnen – von der Brennstoffversorgung bis zur Entsorgung.
Energieminister Gilberto Pichetto Fratin erwartet, dass der Strombedarf des Landes binnen zehn Jahren um mindestens 30 Prozent zulegen werde. Rechenzentren, Elektromobilität, industrielle Elektrifizierung – die Kurve zeigt nach oben, ganz gleich, welche Partei in Rom regiert. Wer diesen Bedarf ausschließlich mit Wind und Sonne decken will, muss erklären, was in windstillen Dezembernächten passiert. In Deutschland kennt man die Antwort: Man importiert. Notfalls Atomstrom aus Frankreich, notfalls Kohlestrom aus Polen. Hauptsache, das Gewissen bleibt sauber und der Schornstein steht jenseits der Grenze.
Die Jungen denken pragmatischer als ihre Eltern
Bemerkenswert ist der Stimmungswandel. Zwei Referenden hatte die Kernkraft in Italien verloren – 1987 unter dem Eindruck von Tschernobyl, 2011 nach Fukushima, damals besonders deutlich. Heute ermittelte das Institut Only Numbers im Juni 2026 rund 55 Prozent Zustimmung für moderne Reaktoren. Es sind gerade die jüngeren Italiener, die Kernenergie nicht mehr als Bedrohung, sondern als Technologie begreifen: klimafreundlich, grundlastfähig, souveränitätssichernd.
Eine Generation, die mit Panikpädagogik großgezogen wurde, entdeckt die Physik wieder. Nördlich der Alpen wartet man darauf noch.
Doch der Teufel wohnt im Nachbardorf
So klar die Zustimmung im Abstrakten ausfällt, so schnell schmilzt sie im Konkreten. Sobald es um Standorte geht, kippt die Stimmung: Etwa sechs von zehn Italienern lehnten einen Reaktor in der eigenen Provinz ab. Das klassische Sankt-Florians-Prinzip, das man auch von deutschen Windrädern, Stromtrassen und Flüchtlingsheimen kennt. Lokale Proteste könnten Projekte erheblich verzögern, und ein weiteres Referendum bleibt politisch jederzeit möglich.
Milliarden, Müll und offene Fragen
Die größte Hürde bleibt jedoch das Geld. Ein einzelner SMR mit 300 Megawatt Leistung dürfte drei bis sechs Milliarden Euro kosten, Netzanschluss und Infrastruktur noch nicht eingerechnet. Private Investoren sollen einen erheblichen Teil tragen – was voraussetzt, dass die Reaktoren tatsächlich serienreif werden und die Finanzierungsmodelle belastbar sind. Beides ist derzeit Hoffnung, nicht Gewissheit.
Hinzu kommt das ungelöste Erbe: Italien besitzt bis heute kein nationales Endlager. Radioaktive Rückstände lagern in Provisorien, neue Reaktoren würden zusätzliche Mengen erzeugen. Rom muss also gleichzeitig Standorte, Genehmigungen und Lagerung regeln. Der Startkorridor 2033 bis 2035 ist damit ein politisches Ziel – kein gesicherter Termin. Und für die heutigen Stromrechnungen italienischer Familien bringt das Projekt zunächst genau nichts.
Was das für deutsche Sparer bedeutet
Interessant ist der Kontrast. Italien plant Jahrzehnte voraus, Deutschland hat sich mit einem 500-Milliarden-Sondervermögen und der im Grundgesetz verankerten Klimaneutralität bis 2045 in eine Richtung festgelegt, aus der es kaum ein Zurück gibt – finanziert auf Kredit, bezahlt von Kindern, die noch nicht wählen dürfen. Wer glaubt, solche Schuldenberge blieben ohne Folgen für die Kaufkraft, hat die Geldgeschichte der letzten hundert Jahre nicht gelesen. Energiepolitik ist immer auch Währungspolitik: Teurer Strom bedeutet teure Produktion, sinkende Wettbewerbsfähigkeit und am Ende eine Währung, deren Fundament wegbricht. Physisches Gold und Silber haben in solchen Phasen historisch ihre Rolle als Versicherung gegen politische Fehlentscheidungen erfüllt – als nüchterne Beimischung in einem breit gestreuten Vermögen.
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