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26.05.2026
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Schiiten-Deportationen aus den Emiraten: Wenn Religion zum Verhängnis wird

Schiiten-Deportationen aus den Emiraten: Wenn Religion zum Verhängnis wird

Während die westliche Welt gebannt auf die militärische Eskalation zwischen Israel, den USA und dem Iran starrt, vollzieht sich in den Vereinigten Arabischen Emiraten ein stiller Skandal von erschreckendem Ausmaß. Tausende pakistanische Schiiten werden offenbar systematisch aus dem Golfstaat abgeschoben – ohne Vorwarnung, ohne Erklärung, ohne ihre Ersparnisse, ohne ihr Hab und Gut. Was sich da im Schatten des Nahost-Konflikts abspielt, verdient eine sehr viel größere Aufmerksamkeit, als sie bislang erhält.

Ein Heimkommen ins Nichts

Im ländlichen Distrikt Chakwal in der pakistanischen Provinz Punjab sind innerhalb weniger Wochen mehr als 100 schiitische Muslime aus den Emiraten zurückgekehrt – mittellos, arbeitslos, gezeichnet. Reuters habe Einwanderungsdokumente, Visa-Screenshots und Flugdaten von 103 mutmaßlichen Deportierten gesichtet und 24 von ihnen befragt. Die Aussagen ähnelten sich auf erschreckende Weise: keine Möglichkeit, Gepäck zu holen, keine Möglichkeit, jahrelang erspartes Geld abzuheben, und vor allem keine Erklärung.

Die schiitische Organisation Majlis Wahdat-e-Muslimeen führt eine Datenbank, die seit dem 28. Februar – jenem Tag, an dem die USA und Israel ihre Schläge gegen den Iran begannen – bereits 7.500 abgeschobene pakistanische Schiiten verzeichne. Sprecher Mohsin Abidi vermute, die wahre Zahl liege noch erheblich höher.

Religiöse Säuberung unter dem Deckmantel der Sicherheit?

Offiziell will man in Abu Dhabi von einer konfessionellen Auswahl nichts wissen. Das Außenministerium der Emirate habe sich auf Anfrage in Schweigen gehüllt. Pakistans Innenministerium erklärte schlicht, niemand sei aufgrund seiner Religionszugehörigkeit abgeschoben worden – die Betroffenen hätten lediglich gegen Visabestimmungen verstoßen. Eine bequeme Standarderklärung, die jedoch angesichts der Faktenlage immer unglaubwürdiger erscheint.

Denn ein hochrangiger pakistanischer Regierungsvertreter, der anonym bleiben wolle, räumte gegenüber Reuters ein, Islamabad „prüfe die Lage nach Erhalt von Tausenden aus den Emiraten abgeschobenen Pakistanern, von denen die meisten Schiiten seien". Aus „diplomatischen Gründen" habe man den Fall jedoch nicht öffentlich gemacht. Mit anderen Worten: Wirtschaftliche Interessen wiegen schwerer als die Schicksale der eigenen Staatsbürger – eine Haltung, die man auch aus der deutschen Politik nur allzu gut kennt.

Verhöre, Handschellen, abgedunkelte Busse

Die Schilderungen der Betroffenen lesen sich wie Berichte aus einem Polizeistaat. Ein 38-jähriger ehemaliger Manager der Dubai Metro, der 16 Jahre in dem Emirat gelebt habe, berichtete, die Polizei habe ihm das Handy abgenommen, ihn in Handschellen gelegt und nach neuntägiger Haft in einen abgedunkelten, überfüllten Bus zum Flughafen verfrachtet. „In einem Wimpernschlag war ich wieder bei Null", sagte er.

Ein 41-jähriger Bauarbeiter berichtete, die emiratischen Beamten hätten ihn nach seinem Gehalt und seinen Überweisungen befragt – und dann allen Ernstes wissen wollen, ob er den Iran finanziere. Ali Ahmed Naqvi, ein IT-Fachmann, schilderte, seine Frau sei am 18. April abgeschoben worden, nachdem sie lediglich einen Visumwechsel beantragt habe. Er selbst sei beim Versuch, freiwillig auszureisen, festgenommen und gemeinsam mit 93 weiteren Schiiten in ein Flugzeug gesetzt worden. „Niemand sagte uns, warum wir abgeschoben wurden."

Existenzen, die in Minuten zerschlagen werden

Besonders bitter trifft es Männer wie Laiq Hussain, der zwanzig Jahre in Dubai gearbeitet, sich mühsam einen Lieferwagen und ein kleines Transportunternehmen aufgebaut habe. „An einem einzigen Tag, eigentlich in Minuten, war alles vorbei", so Hussain. Im überwiegend schiitischen Distrikt Kurram im Nordwesten Pakistans sollen allein 1.500 Menschen seit Kriegsbeginn zurückgeschickt worden sein – die meisten von ihnen Ernährer kinderreicher Großfamilien.

Die Dimension wird klar, wenn man sich die wirtschaftlichen Verflechtungen vor Augen führt: Rund 1,8 Millionen Pakistaner leben und arbeiten in den Emiraten. Sie überweisen jährlich mehr als sechs Milliarden Dollar in ihre Heimat. Für die wirtschaftlich gebeutelte Atommacht Pakistan sind diese Devisen schlicht überlebenswichtig. Dass Islamabad dennoch schweigt, spricht Bände über die Hilflosigkeit kleinerer Staaten gegenüber den Petrodollar-Monarchien am Golf.

Eine Menschenrechtsorganisation schlägt Alarm

Human Rights Watch nennt die Berichte „zutiefst alarmierend" und habe Ermittlungen aufgenommen. Die in Genf ansässige MENA Rights Group dokumentiere seit Jahren willkürliche Festnahmen und das gewaltsame Verschwindenlassen schiitischer Ausländer in den Emiraten. Was sich derzeit abspiele, sei eine deutliche Eskalation dieses Vorgehens. Mit anderen Worten: Das Muster ist nicht neu – es wird nur gerade massiv intensiviert.

Was uns das alles lehrt

Diese Geschichte ist mehr als eine ferne Nachricht aus Asien. Sie zeigt, mit welcher Brutalität autoritäre Regime ihre eigenen Spielregeln durchsetzen, sobald geopolitische Spannungen eskalieren. Sie zeigt, wie schnell jahrzehntelang aufgebaute Existenzen pulverisiert werden können, wenn ein Konto eingefroren, eine Wohnung versiegelt und ein Mensch in einen abgedunkelten Bus gezwungen wird. Und sie zeigt – das ist die vielleicht bitterste Lektion – wie wenig digitales Vermögen im Ernstfall wert ist, wenn der Zugriff blockiert wird.

Wer glaubt, solche Szenarien seien rein orientalische Phänomene und könnten in der gemütlichen Bundesrepublik niemals geschehen, sollte sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts ins Gedächtnis rufen. Enteignungen, Kontosperrungen, Vermögensabschöpfungen – all das hat es auch auf europäischem Boden gegeben, und zwar nicht nur unter Diktaturen. Wer sein Vermögen ausschließlich auf Bankkonten oder in digitalen Werten hält, ist im Ernstfall vollkommen ausgeliefert. Physisches Eigentum, das man in der Hand halten und im Zweifel mitnehmen kann – allen voran Edelmetalle wie Gold und Silber – hat über Jahrtausende seine Funktion als wertstabiler Anker bewiesen, der weder vom Wohlwollen eines Despoten noch von der Laune einer Behörde abhängt.

Schweigen als diplomatisches KalkĂĽl

Bemerkenswert bleibt am Ende, mit welcher Routine Regierungen unliebsame Wahrheiten unter dem Teppich halten, sobald es um Wirtschaftsinteressen und politische Bündnisse geht. Pakistan vermittelt offiziell zur Deeskalation des Iran-Konflikts, während gleichzeitig Tausende seiner Staatsbürger gedemütigt nach Hause geschickt werden. Die Emirate verweisen lapidar auf Visumsverstöße. Und der Westen schaut weg, weil die Petromonarchien zu wichtig sind, um sie zu verärgern. Eine Heuchelei, die durchaus an die selektive Empörung mancher europäischer Hauptstädte erinnert, sobald Menschenrechtsverletzungen im falschen Lager stattfinden.

Hinweis: Dieser Beitrag stellt keine Anlageberatung dar. Die in diesem Artikel geäußerten Einschätzungen geben die Meinung der Redaktion wieder und basieren auf den verfügbaren Informationen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Jede Anlageentscheidung sollte auf einer eigenständigen, sorgfältigen Recherche und gegebenenfalls nach Konsultation eines qualifizierten Beraters getroffen werden. Eine Haftung für die wirtschaftlichen Folgen einzelner Entscheidungen wird ausdrücklich ausgeschlossen.

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