
Schüsse und Sprengsatz in Steglitz: Berlins Angst-Serie geht weiter

In der Nacht zum Montag haben Unbekannte in Berlin-Steglitz mehrfach auf ein Geschäft geschossen. Vor der Tür fanden die Einsatzkräfte zusätzlich einen selbstgebauten Spreng- beziehungsweise Brandsatz, der nicht ausgelöst hatte. Verletzt wurde nach Angaben der Polizei niemand.
Wie die Berliner Polizei am Montagmorgen über die Plattform X mitteilte, war die Kriminaltechnik vor Ort im Einsatz. Die Osdorfer Straße wurde zwischen Ostpreußendamm und Blankertzweg in beide Richtungen gesperrt. Die Ermittlungen führt die Sondereinheit „BAO Ferrum“ des Landeskriminalamts.
Ein Zufall? Kaum
Ein Ladenlokal, mehrere Schüsse, ein Sprengsatz an der Eingangstür – das ist kein Nachbarschaftsstreit, das ist eine Botschaft. Und es ist längst kein Einzelfall mehr. Berlin erlebt seit Monaten eine Serie von Angriffen auf Gewerbebetriebe: Bäckereien, Werkstätten, Fahrschulen, Bars, Sneaker-Läden.
Medienberichten zufolge vermuten die Ermittler hinter vielen dieser Taten mutmaßlich Schutzgelderpressungen sowie Revierkämpfe im Drogen- und Waffenmilieu. Betroffen seien vor allem Gewerbetreibende türkischer Herkunft. Bei den Tatverdächtigen soll es sich demnach um Akteure der Organisierten Kriminalität handeln – Schuld darf ohnehin erst ein Gericht feststellen.
Die Zahlen sind eine Ohrfeige für die Politik
Die Berliner Polizei richtete „Ferrum“ – Latein für „Eisen“ – im November 2025 ein, nachdem die Schusswaffengewalt in der Hauptstadt drastisch zugenommen hatte. Rund neun Monate später, Stand 13. August, hatte die Einheit bereits über 600 Ermittlungsverfahren eingeleitet.
Aus einer Antwort der Senatsinnenverwaltung, über die Medien berichteten, geht zudem hervor: Bis Mitte Juli seien 263 vorläufige Freiheitsentziehungen und 61 Haftbefehle erwirkt worden. Sichergestellt worden seien
- 56 scharfe Schusswaffen,
- 21 Schreckschuss- und Gaspistolen,
- dazu Munition und Fahrzeuge.
Bei der Staatsanwaltschaft bearbeitet die Ermittlungsgruppe „Telum“ – Latein für „Angriffswaffe“ – ausschließlich die Verfahren der „BAO Ferrum“. Zwei Sondereinheiten, hunderte Verfahren, Spuren bis nach Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und in die Türkei. Man arbeite mit dem Bundeskriminalamt und Europol zusammen.
Wenn der Staat nur noch hinterherermittelt
Aus Sicht unserer Redaktion offenbart diese Bilanz zwei Dinge gleichzeitig: Die Polizei arbeitet unter Hochdruck – und sie kommt der Entwicklung dennoch nicht zuvor. Denn jede Sondereinheit ist im Kern ein Eingeständnis, dass die normalen Strukturen überrollt wurden.
Besonders bitter für die Betroffenen: Laut den Angaben der Innenverwaltung sollen die Täter Informationen über ihre Opfer unter anderem aus öffentlich zugänglichen Quellen wie Social-Media-Auftritten der Betriebe gezogen haben, ergänzt um gezielte Ausspähversuche. Wer in Berlin ein Geschäft aufbaut, macht sich damit möglicherweise selbst zur Zielscheibe.
Für viele Bürger ist das der eigentliche Skandal. Nicht die Sperrung einer Straße in Steglitz-Zehlendorf, sondern die Gewissheit, dass Handwerker, Händler und Gastronomen mittlerweile Schutz brauchen – vor Kriminellen, die offenbar mit Sprengsätzen kalkulieren wie andere mit Werbeflyern.
Die Frage, die niemand gerne stellt
Wie viele Schüsse braucht es, bis Innen- und Justizpolitik nicht mehr über Statistiken, sondern über Konsequenzen sprechen? Kritiker der bisherigen Sicherheits- und Migrationspolitik sehen in der Berliner Lage das Ergebnis jahrelanger Versäumnisse bei Strafverfolgung, Abschiebepraxis und Ausstattung der Polizei.
Eines ist klar: Ein Rechtsstaat, der die Kontrolle über einzelne Straßenzüge erst per Sonderkommission zurückerobern muss, hat ein Vertrauensproblem. Und Vertrauen lässt sich nicht per Pressemitteilung wiederherstellen – nur durch Ergebnisse.
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