
Sensation in Predazzo: Deutscher Skispringer krönt sich zum Olympiasieger – ein Lichtblick in einer desaströsen Saison
Es gibt Momente im Sport, die sich jeder Logik entziehen. Momente, in denen ein Athlet über sich hinauswächst, während die Favoriten straucheln. Genau ein solcher Moment ereignete sich am Sonntagabend im italienischen Predazzo, als Philipp Raimund – ein 25-jähriger Göppinger, der im Weltcup noch nie ein Einzelspringen gewonnen hat – sich sensationell zum Olympiasieger von der Normalschanze krönte. Erste Winterspiele, erstes Gold. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen.
Vom Außenseiter zum Olympia-Helden
Raimund, der noch vor wenigen Monaten als einer unter vielen im deutschen Kader galt, lieferte im Val di Fiemme die Vorstellung seines Lebens ab. Bereits nach dem ersten Durchgang, in dem er 102 Meter weit segelte, ballte er die Faust. Im zweiten Versuch legte er mit 106,5 Metern nach und verwies den Polen Kacper Tomasiak auf den Silberrang. Bronze teilten sich der Japaner Ren Nikaido und der Schweizer Gregor Deschwanden.
Die Worte des frischgebackenen Olympiasiegers sprachen Bände: Er sei „scheiße-nervös" gewesen, habe nicht gewusst, wie er es geschafft habe, sei aber „so, so stolz". Noch keinen einzigen Weltcup gewonnen – und dann auf der größten Bühne ganz oben. Das ist tatsächlich unglaublich. Selbst Skisprung-Legende Sven Hannawald fieberte am ARD-Mikrofon hörbar mit und flehte regelrecht: „Komm, bitte."
Der Saison-Dominator versagt – Raimund liefert
Was diesen Triumph noch bemerkenswerter macht: Der slowenische Überflieger Domen Prevc, der die gesamte Weltcup-Saison dominiert und die Vierschanzentournee gewonnen hatte, landete lediglich auf dem sechsten Platz. Ausgerechnet bei Olympia, wo es wirklich zählt, versagten dem Favoriten die Nerven. Eine Lehre, die der Sport immer wieder erteilt – und die gerade im Skispringen, wo Millimeter und Windböen über Sieg und Niederlage entscheiden, besonders brutal ausfallen kann.
Raimund hingegen hatte sich akribisch vorbereitet. Schon im Training am Vortag belegte er in drei Durchgängen die Plätze eins, eins und zwei. Er habe ein Gefühl dafür entwickelt, worauf er sich konzentrieren müsse, erklärte er im Stile eines abgeklärten Routiniers – was bei einem Olympia-Debütanten durchaus bemerkenswert ist.
Höhenangst überwunden – mit professioneller Hilfe
Besonders beeindruckend ist Raimunds persönliche Entwicklung. Noch in der vergangenen Saison plagte den Skispringer ein für seinen Sport geradezu absurdes Problem: Höhenangst. Ein Skispringer mit Höhenangst – das klingt wie ein Schwimmer mit Wasserangst. Doch Raimund ging das Thema professionell an, arbeitete mit einem Psychologen daran und hat es nach eigenen Angaben vollständig überwunden. Ein Beweis dafür, dass mentale Stärke im Spitzensport mindestens ebenso wichtig ist wie körperliche Fitness.
Ein Lichtblick in einer rabenschwarzen Saison
Man darf bei aller Euphorie nicht vergessen, in welchem Kontext dieser Triumph steht. Die deutsche Skispringer-Mannschaft erlebt eine der enttäuschendsten Saisons der jüngeren Vergangenheit. Die anderen deutschen Athleten – Felix Hoffmann, Andreas Wellinger und Pius Paschke – konnten beim olympischen Wettbewerb nicht in den Kampf um Edelmetall eingreifen. Raimunds Gold ist damit der absolute Mega-Höhepunkt einer ansonsten trostlosen Saison, ein einzelner Diamant in einem Haufen Kieselsteine.
Es ist symptomatisch für den Zustand des deutschen Sports insgesamt. Während andere Nationen systematisch in ihre Nachwuchsförderung investieren und langfristige Strukturen aufbauen, scheint Deutschland in vielen Disziplinen den Anschluss zu verlieren. Dass ausgerechnet ein Einzelkämpfer wie Raimund – getragen von Emotionen, Talent und einer gehörigen Portion Unbekümmertheit – den Karren aus dem Dreck zieht, sagt viel über den Zustand der deutschen Sportförderung aus.
Der Teamgeist als Geheimwaffe
Sportdirektor Horst Hüttel beschrieb Raimunds besondere Rolle im Team treffend: „Er lebt von den Emotionen. Seine Art tut auch den anderen gut." Der extrovertierte Athlet, dessen Familie an der Schanze mitfieberte, ist offenbar jener Typ Sportler, der eine ganze Mannschaft mitreißen kann. Sein Bruder Fabian gestand in der ARD freimütig, die Familie sei wohl aufgeregter gewesen als der Springer selbst.
Bereits am Dienstag steht mit dem Mixed-Team-Wettbewerb die nächste Herausforderung an. Ob Raimunds Goldflug auch dem deutschen Team Flügel verleihen kann, wird sich zeigen. Der frischgebackene Olympiasieger kündigte jedenfalls an, seine ersten Winterspiele auch abseits des Wettkampfes genießen zu wollen – eine „Bier-Bremse" für die nächste Medaille inklusive, wie er augenzwinkernd verriet.
Eines steht fest: Philipp Raimund hat an diesem Abend in Predazzo nicht nur sich selbst, sondern einem ganzen Land einen Moment geschenkt, der in Erinnerung bleiben wird. In Zeiten, in denen Deutschland sportlich wie politisch allzu oft hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt, sind solche Lichtblicke umso wertvoller. Möge dieser Triumph ein Signal sein – nicht nur für das Skispringen, sondern für den deutschen Sport insgesamt: Dass Leistung, Disziplin und der unbändige Wille, auf der größten Bühne zu bestehen, am Ende immer belohnt werden.

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