
Stromausfall in Berlin entfacht Grundsatzdebatte: Erdkabel oder Freileitungen für Deutschlands Energiezukunft?
Der tagelange Stromausfall im Berliner Südwesten mag zwar Geschichte sein, doch die politischen Nachwehen sind längst nicht überstanden. Was als linksextremistischer Anschlag auf eine Strombrücke begann, entwickelt sich nun zu einer handfesten Kontroverse über die Zukunft der deutschen Energieinfrastruktur. Die Frage, die Fachleute und Politiker gleichermaßen umtreibt: Sollen die gewaltigen „Stromautobahnen", die künftig Windenergie aus dem Norden in den Süden transportieren sollen, unter der Erde oder an Masten durch die Landschaft verlaufen?
Vier Tage ohne Strom – ein Weckruf für die Republik
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Bis zu 45.000 Haushalte und 2.000 Unternehmen saßen nach dem Anschlag vom 3. Januar im Dunkeln. Erst vier Tage später floss der Strom wieder vollständig. Eine selbsternannte linksextreme Gruppierung namens „Vulkangruppe" bekannte sich zu der Tat – ein erschreckendes Beispiel dafür, wie verwundbar unsere kritische Infrastruktur geworden ist.
Besonders brisant: Die Reparatur ist bis heute nur provisorisch erfolgt. Der Netzbetreiber Stromnetz Berlin spricht von Monaten, bis der Schaden vollständig behoben sein wird. Bei einer Freileitung, so argumentieren Kritiker der Erdverkabelung, wäre die Sache in wenigen Stunden erledigt gewesen.
Bundeswirtschaftsministerin Reiche setzt auf Freileitungen
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche von der CDU hat sich klar positioniert: Sie will neue Stromtrassen als Freileitungen verlegen lassen. Damit folgt sie dem Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung unter Friedrich Merz. Doch innerhalb der Großen Koalition rumort es bereits gewaltig. SPD-Politiker halten eisern an der unterirdischen Verlegung fest und wollen den bisherigen gesetzlichen Vorrang für Erdkabel nicht aufgeben.
Die Entscheidung dürfte bei der anstehenden Überarbeitung des Bundesbedarfsplangesetzes fallen. Dieses Regelwerk bestimmt, welche Leitungen in Deutschland mit Priorität ausgebaut werden müssen – und ob sie über oder unter der Erde verlaufen sollen.
Das Dilemma der Netzbetreiber
Die großen Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, Tennet und Transnet BW plädieren seit Jahren für einen Umstieg auf Freileitungen. Ihre Argumente sind nicht von der Hand zu weisen: Während Schäden an oberirdischen Leitungen oft binnen Stunden oder weniger Tage behoben werden können, ziehen sich Reparaturen an Erdkabeln über Wochen hin. Die Kosten explodieren, das Risiko für die Versorgungssicherheit steigt.
Erdkabel sind technisch hochkomplexe Systeme. Sie bestehen aus mehreren Isolierungsschichten und können nur in Abschnitten von ein bis anderthalb Kilometern transportiert werden. Die sogenannten Muffen, welche die einzelnen Segmente verbinden, gelten als besonders fehleranfällig – eine Schwachstelle, die es bei Freileitungen schlicht nicht gibt.
Die Gegenseite: Unter der Erde ist sicherer
Doch die Befürworter der Erdverkabelung lassen sich nicht so leicht in die Defensive drängen. Anders Jensen, Technologiechef beim Kabellieferanten NKT, warnt davor, den Berliner Fall zu verallgemeinern. Der Anschlag sei ein Sonderfall gewesen, bei dem mehrere Hoch- und Mittelspannungskabel gleichzeitig beschädigt wurden – und zwar ausgerechnet dort, wo sie oberirdisch verliefen.
„Was offen liegt, ist angreifbar. Unter der Erde sind Leitungen besser geschützt und weniger anfällig."
Nina Scheer, energiepolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, schlägt in dieselbe Kerbe. Angesichts prognostizierter Bedrohungslagen verlange der Schutz vor Anschlägen einen Vorrang für Erdkabel. In die Kostenkalkulationen müssten auch vermeidbare volkswirtschaftliche Folgekosten einbezogen werden, so die SPD-Politikerin.
Die Kosten der Sicherheit
Hier offenbart sich das eigentliche Dilemma: Erdkabel sind in der Verlegung deutlich teurer als Freileitungen. Doch was kostet es die Volkswirtschaft, wenn bei einem Anschlag oder Unwetter ganze Regionen tagelang ohne Strom dastehen? Die geplanten „Stromautobahnen" operieren auf der Höchstspannungsebene mit 525 Kilovolt – technisch noch weitaus anspruchsvoller als die in Berlin betroffenen 110-Kilovolt-Leitungen.
Der Verband der Elektro- und Digitalindustrie betont, erdverkabelte Leitungen seien grundsätzlich robuster gegen Sabotage. Gleichzeitig räumt er ein, dass eine unterirdische Verlegung nicht in jedem Fall technisch und wirtschaftlich umsetzbar sei. Unverzichtbar sei jedenfalls eine resiliente Lieferkette mit Herstellern in Deutschland und Europa.
Ein Symptom tieferliegender Probleme
Der Berliner Stromausfall ist mehr als nur ein technisches Problem – er ist ein Symptom für den desolaten Zustand der deutschen Infrastruktur und die zunehmende Bedrohung durch extremistische Gruppierungen. Dass eine selbsternannte linksextreme Zelle mit einem gezielten Anschlag zehntausende Menschen tagelang vom Stromnetz abschneiden kann, sollte jeden Bürger alarmieren.
Die Debatte um Erdkabel oder Freileitungen ist letztlich eine Abwägung zwischen verschiedenen Risiken: dem Risiko langwieriger Reparaturen auf der einen Seite und dem Risiko leichterer Angreifbarkeit auf der anderen. Beide Seiten haben valide Argumente, doch eines steht fest: Deutschland muss seine kritische Infrastruktur besser schützen – unabhängig davon, ob die Kabel über oder unter der Erde verlaufen.
Die neue Bundesregierung steht vor der Herausforderung, hier eine zukunftsfähige Entscheidung zu treffen. Angesichts der Energiewende und des massiven Ausbaubedarfs bei den Stromnetzen duldet diese Frage keinen weiteren Aufschub. Die Bürger haben ein Recht darauf, dass ihre Stromversorgung nicht zum Spielball politischer Grabenkämpfe wird.

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