
Tokios Verzweiflungstat: Wenn drei Interventionen plötzlich nur noch eine sein sollen

Was tut man, wenn man Milliarden im Devisenmarkt versenkt und der eigene Yen trotzdem wie ein Stein fällt? Ganz einfach: Man definiert die Spielregeln einfach um. Genau das hat Japans Finanzministerium am Montag vorgeführt – und damit ein Schauspiel geliefert, das selbst hartgesottene Marktbeobachter mit ungläubigem Kopfschütteln quittieren.
Drei Interventionen, eine Buchhaltung
Nachdem die japanischen Währungshüter binnen weniger Tage gleich dreimal in den Devisenmarkt eingegriffen hatten – und der Yen jedes Mal nach kurzem Aufbäumen wieder in den Sinkflug überging – griff ein Beamter des Finanzministeriums zu einer kreativen Lösung: Drei aufeinanderfolgende Interventionstage sollen, so verkündete er unter Berufung auf eine Klausel des Internationalen Währungsfonds, als ein einziger Vorgang zählen. Selbst wenn in Japan Feiertag herrsche, dürfe der Tag mitgezählt werden, sofern die globalen Märkte geöffnet seien. Demnach gelte der 4. Mai als dritter Tag im Sinne dieser Regelung – gerechnet ab dem 30. April.
Das Timing ist bemerkenswert. Die Eingriffe fallen ausgerechnet in die Golden-Week-Feiertage, in denen die heimische Liquidität dünn ist – ein Umstand, den Tokio offenbar gezielt ausnutzt, um mit möglichst kleinem Hebel möglichst große Effekte zu erzielen. Die Realität sieht freilich anders aus.
34 Milliarden verbrannt – und der Yen sinkt weiter
Eine Bloomberg-Analyse beziffert die Kosten der ersten Intervention vom Donnerstag auf rund 34,5 Milliarden Dollar. Weitere geschätzte 20 Milliarden flossen in die beiden Folgeoperationen. Macht in Summe gut 54 Milliarden Dollar – verpulvert, ohne dass der gewünschte Effekt eingetreten wäre. Der Yen, zuvor bei 160,72 zum Dollar abgestürzt, schoss kurzzeitig auf 155, nur um den Abwärtstrend prompt fortzusetzen.
Wer die Absurdität dieses Manövers erfassen will, muss sich Folgendes vergegenwärtigen: Japan verkauft Dollar, um Yen zu kaufen – während die Bank of Japan gleichzeitig munter neue Yen druckt und sich beharrlich weigert, die Zinsen ernsthaft anzuheben. Es ist, als wolle man ein Leck im Boot stopfen, indem man zugleich neue Löcher hineinschlägt.
Die IMF-Klausel als Feigenblatt
Hinter dem Buchhaltungstrick steckt nackte Notwendigkeit. Die IWF-Regularien sehen vor, dass bis zu drei solcher "Episoden" innerhalb von sechs Monaten mit dem Status eines frei schwankenden Wechselkursregimes vereinbar seien. Würde Japan diesen Rahmen sprengen, drohte die Herabstufung zu einem lediglich "schwankenden" Wechselkurssystem – ein diplomatischer und ökonomischer Gesichtsverlust ersten Ranges. Die kreative Umdeutung "drei Tage gleich eine Episode" verschafft Tokio also vor allem regulatorischen Spielraum.
Finanzministerin Satsuki Katayama, derzeit auf einer internationalen Konferenz in Samarkand unterwegs, betonte am Montag erneut, die Regierung sei bereit, "entschlossen gegen spekulative Währungsbewegungen" vorzugehen. Übersetzt aus dem Diplomatendeutsch heißt das: Es wird weiter interveniert. Und weiter Geld verbrannt.
Ein Lehrstück über die Grenzen staatlicher Markteingriffe
Was sich derzeit am Devisenmarkt abspielt, ist mehr als nur eine japanische Episode. Es ist ein Lehrstück darüber, wie machtlos selbst die mächtigsten Notenbanken sein können, wenn die fundamentalen Voraussetzungen nicht stimmen. Solange die Bank of Japan an ihrer ultralockeren Geldpolitik festhält, während die US-Notenbank eine deutlich straffere Linie fährt, werden alle Devisenmarktinterventionen kaum mehr sein als teure Kosmetik. Das Zinsdifferential ist die unsichtbare Schwerkraft, der sich kein Finanzminister durch Buchhaltungstricks entziehen kann.
Für Anleger, die in einer Welt zunehmender Währungsturbulenzen nach stabilen Werten suchen, dürfte das japanische Schauspiel ein weiteres Argument liefern, sich nicht ausschließlich auf das Versprechen von Notenbanken zu verlassen. Physisches Gold und Silber kennen keine "drei-Tage-zählen-als-einer"-Regel. Sie sind, was sie sind: ein Wertspeicher außerhalb des Zugriffs jener Beamten, die heute Realität definieren und morgen Buchhaltung erfinden. Eine wohlüberlegte Beimischung physischer Edelmetalle in ein breit gestreutes Vermögen erscheint angesichts solcher Vorgänge mehr denn je als Akt vernünftiger Vorsorge.
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