
Wenn der Bachelor zum Wahlkampfthema wird: Die absurde Jagd auf Ulrich Siegmunds Lebenslauf
Fünf Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt drehte sich die politische Debatte des Landes nicht um Wirtschaft, Migration oder innere Sicherheit – sondern um die Frage, ob ein Spitzenkandidat einen Bachelorabschluss besitzt. Er besitzt ihn. Die Dokumente liegen offen auf dem Tisch. Und trotzdem verrät die ganze Episode mehr über den Zustand des politischen Betriebs in Deutschland als über den Betroffenen selbst.
Eine Frage, ein Shitstorm, ein Rohrkrepierer
Ausgangspunkt war eine Zeile im offiziellen Lebenslauf auf der Internetseite des Landtags von Sachsen-Anhalt. Dort führt Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD, für die Jahre 2013 bis 2016 ein Studium in Wirtschaftspsychologie und Betriebswirtschaftslehre auf. Was dort nicht stand: der Name der Hochschule. Ein Detail, das in tausenden Abgeordnetenprofilen dieser Republik fehlt – hier aber genügte, um eine kleine Staatsaktion auszulösen.
Am 30. Juli erkundigte sich eine Nutzerin auf einem Abgeordneten-Portal nach Hochschule und Titel der Bachelorarbeit. Siegmund antwortete dort nicht. Das reichte. In den sozialen Netzwerken begann jenes Ritual, das man in Deutschland inzwischen im Schlaf mitsummen kann: Andeutung, Empörung, Unterstellung. Gegenüber einer großen Boulevardzeitung erklärte Siegmund schließlich, er habe an der Fernhochschule Euro-FH in Hamburg studiert.
Die Papiere liegen vor – und sie sind langweilig
Kurz darauf wurden Bachelor-Urkunde, Bachelor-Zertifikat und ein Zertifikat über die Abschlussarbeit veröffentlicht. Der Titel der Arbeit: eine Untersuchung zum Duftmarketing und dessen psychologischer Wirkung auf Wohlfühlempfinden und Kaufverhalten. Bewertung: Gut (2,4). Gesamtnote des Bachelors: Gut (2,3). Kein Plagiat, keine Erfindung, keine Lücke. Nur ein handfestes Studium neben dem Berufsleben, absolviert im Fernstudium – also unter Bedingungen, die deutlich mehr Disziplin verlangen als der behütete Campus-Alltag.
Der letzte Strohhalm der Kritiker: Es handele sich um einen Bachelor of Arts, während die Hochschule heute für dieses Fach einen Bachelor of Science ausweise. Auch das löste sich binnen Minuten in Luft auf. Bei Siegmunds Studienbeginn 2013 wurde der Abschluss dort ausschließlich als Bachelor of Arts vergeben – nachlesbar in archivierten Fassungen der Internetseite. Ein Skandal von der Halbwertszeit eines Wattebällchens.
Wer jahrelang zugesehen hat, wie geschönte Lebensläufe und abgeschriebene Doktorarbeiten in den obersten Etagen dieses Landes mit einem Schulterzucken abgehakt wurden, sollte sich mit dem Vorwurf der Hochstapelei etwas zurückhalten.
Doppelte Maßstäbe, sauber dokumentiert
Die deutsche Politikgeschichte kennt echte Titel- und Lebenslaufaffären. Ein Verteidigungsminister musste 2011 wegen einer abgeschriebenen Dissertation gehen, eine Bildungsministerin verlor 2013 ihren Doktorgrad, und 2021 sorgte ein aufpolierter Lebenslauf einer Kanzlerkandidatin samt Buchplagiaten für Schlagzeilen – politisch überlebt hat sie es dennoch, mit Bravour und späterem Ministeramt. Bemerkenswert ist nicht, dass Lebensläufe geprüft werden. Bemerkenswert ist, mit welcher Energie das bei einem Kandidaten geschieht, dessen Unterlagen am Ende vollständig und korrekt sind, während anderswo großzügig weggeschaut wurde.
Vom Lehrling zum Ministerpräsidenten-Kandidaten
Siegmunds Weg ist das, was man einmal eine bürgerliche Normalbiografie nannte: 2011 Abschluss der Lehre zum Kaufmann im Groß- und Einzelhandel, danach mehrere Stationen als Angestellter, 2014 der Schritt in die Selbstständigkeit, parallel das Fernstudium, seit 2016 Mandat im Magdeburger Landtag. Kein Berufsjugendlicher aus der Parteijugend, kein Absolvent des Karrierepfads „Praktikum bei der Fraktion, danach Ministerium“. Genau das dürfte manchen mehr stören als jede Urkunde.
Warum die Nervosität so groß ist
Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Siegmund strebt das Amt des Ministerpräsidenten und die absolute Mehrheit für seine Partei an – ein Anspruch, der in den Zentralen der etablierten Parteien offensichtlich Schweißperlen produziert. Wenn die inhaltliche Auseinandersetzung ausbleibt und stattdessen Zeugnisformate zum Gegenstand tagelanger Erregung werden, dann ist das kein Zeichen von Stärke, sondern ein Armutszeugnis. Es ist Wahlkampf mit dem Aktenordner statt mit Argumenten.
Man mag zu der AfD stehen, wie man will. Doch dass ein Kandidat vier Wochen vor der Wahl beweisen muss, dass er nicht gelogen hat, während echte Fälschungen in der Vergangenheit politisch überlebt wurden, sagt viel über die Zustände in diesem Land. Der Bürger ist nicht dumm. Er merkt, wenn Maßstäbe je nach Parteibuch geschmiedet werden. Und er zieht daraus seine Konsequenzen – spätestens in der Wahlkabine.
Das eigentliche Thema bleibt liegen
Während über Duftmarketing und Abschlussnoten diskutiert wird, kämpft Sachsen-Anhalt mit Abwanderung, Deindustrialisierung, Energiepreisen und einer Sicherheitslage, die viele Menschen längst nicht mehr als Statistik, sondern als Alltag erleben. Über diese Fragen müsste ein Wahlkampf geführt werden. Dass er es nicht wird, ist keine Panne. Es ist Kalkül.












