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05.06.2026
10:28 Uhr

Wenn die Belege fehlen: Wie ein Bild-Kolumnist eine Spiegel-Journalistin entlarvte

Wenn die Belege fehlen: Wie ein Bild-Kolumnist eine Spiegel-Journalistin entlarvte

Es gibt Momente im deutschen Medienbetrieb, die mehr über den Zustand unseres öffentlichen Diskurses verraten als hundert akademische Studien. Ein solcher Moment ereignete sich jüngst im Podcast „Amann [un]framed“, in dem die frühere Spiegel-Frau und mittlerweile bei der Funke-Zentrale tätige Melanie Amann auf den Bild-Kolumnisten Harald Martenstein traf. Was als Streitgespräch über ein mögliches AfD-Verbot begann, geriet zu einer Lehrstunde darüber, wie unbelegte Behauptungen in deutschen Redaktionsstuben zur Gewohnheit geworden seien.

Behauptung trifft Nachfrage – und bricht zusammen

Amann wiederholte, was man in den Echokammern des selbsternannten Establishments seit Jahren als unumstößliche Wahrheit verkaufe: Die AfD wolle die Demokratie abschaffen. Martenstein, sichtlich um Präzision bemüht, widersprach beharrlich. Die AfD wolle die Demokratie keineswegs insgesamt beseitigen, stellte er klar. Als Amann nachlegte und behauptete, die Landesverbände in Thüringen und Sachsen-Anhalt seien für die Abschaffung der Meinungsfreiheit, kam die entscheidende Frage des Kolumnisten:

„Können Sie das zitieren? Die AfD spricht sich ja immer dezidiert für Meinungsfreiheit aus. Bitte belegen Sie das, dass die für die Abschaffung der Meinungsfreiheit sind.“

Was folgte, war bezeichnend. Statt Belege zu liefern, wich Amann aus und unterstellte ihrem Gesprächspartner, sie in einen „Gotcha-Moment“ treiben zu wollen. Doch Martenstein blieb hartnäckig. Am Ende musste die Journalistin einlenken: „Vielleicht war die Formulierung zu zugespitzt.“ Eine bemerkenswerte Kapitulation für jemanden, der zuvor mit der Selbstsicherheit eines Verfassungsrichters aufgetreten war.

Das Muster hinter den Worten

Wer das Gespräch verfolgt, erkennt ein Muster, das weit über diesen einzelnen Schlagabtausch hinausweist. Behauptungen werden aufgestellt, wiederholt, und sobald jemand nach Beweisen fragt, beginnt das Ausweichen. Amann verwies darauf, dass die AfD den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschaffen und die Kirchen „austrocknen“ wolle – als wäre die Kritik an einem zwangsfinanzierten Mediensystem bereits ein Angriff auf die Demokratie selbst. Martenstein konterte trocken, dass es zahlreiche Länder gebe, in denen es keinen öffentlich-rechtlichen Rundfunk gebe und dennoch Meinungsfreiheit herrsche. Damit, so sagte er, sei die Frage beantwortet.

Die Verteidigung als Verdacht

Besonders aufschlussreich war jener Moment, in dem Amann andeutete, jeder, der die AfD gegen ein Verbot verteidige, gerate selbst in Verdacht. Martenstein zog den treffenden Vergleich mit dem Anwalt, der für seinen Mandanten einen Freispruch erringe – daraus auf eine Kumpanei zu schließen, sei schlichtweg unredlich. Wer eine Partei vor einem Verbot bewahren wolle, mache sich nicht automatisch ihre Positionen zu eigen. Gerade in der Russlandpolitik sehe er vieles grundlegend anders.

Doch genau hier liegt der Kern des Problems: Würde man jeden Verteidiger der demokratischen Grundregeln mit dem Verteidigten gleichsetzen, bliebe am Ende niemand mehr übrig, der für rechtsstaatliche Prinzipien einstünde. „Sie wollen jedwede Art der Verteidigung der AfD unmöglich machen“, hielt Martenstein fest. Das sei zutiefst antidemokratisch.

Vom getrennten Klassenzimmer und anderen Schreckgespenstern

Im weiteren Verlauf bemühte Amann mehrere Beispiele, mit denen sie die angebliche Verfassungsfeindlichkeit der Partei untermauern wollte. Sie sprach von getrennten Klassen für Flüchtlingskinder und einem Begrüßungsgeld nur für Kinder deutscher Eltern. Martenstein hielt dem entgegen, dass eigene Klassen, in denen Kinder zunächst Deutsch lernten, durchaus sinnvoll sein könnten. Tatsächlich steht im Wahlprogramm, dass der getrennte Unterricht den Kindern signalisieren solle, dass ihr Aufenthalt befristet sei, und dass sie Inhalte ihrer Heimatländer lernen sollten, um den Wiedereinstieg dort zu erleichtern. Ob man diese Position teilt oder nicht – sie als Anschlag auf die Menschenwürde zu deuten, zeugt von jener moralischen Überhöhung, die den deutschen Diskurs zunehmend lähmt.

Die Frage nach der Verantwortung

Zum Abschluss versuchte Amann es mit einer rhetorischen Volte und fragte Martenstein, ob er als Journalist nicht Mitverantwortung trage, sollte die AfD an die Macht kommen – durch seine „vehemente Verteidigung und bis zu einem gewissen Grad auch Verharmlosung“. Seine Antwort war so schlicht wie entwaffnend: „Ich versuche das zu schreiben, was ich für richtig halte. Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen.“

Was dieser Schlagabtausch wirklich bedeutet

Man muss Melanie Amann zugutehalten, dass sie sich dem Gespräch überhaupt gestellt hat. In Zeiten, in denen viele aus dem Lager der selbsternannten Demokratieretter den Dialog mit Andersdenkenden komplett verweigern, ist das immerhin ein Zeichen von Restkultur. Doch der eigentliche Gewinner dieses Austauschs steht fest. Martenstein hat vorgeführt, was Journalismus eigentlich leisten müsste: nachfragen, auf Belegen bestehen, sich nicht mit Stimmungen und Gefühlen abspeisen lassen.

Dass eine erfahrene Redakteurin auf die simple Bitte nach einem Zitat hin ins Schleudern gerät, sagt mehr über den Zustand des deutschen Leitmedien-Betriebs aus als jede Selbstbeweihräucherung der Branche. Die Technik der dauernden Wiederholung mag eine Weile funktionieren – doch sie zerbricht in dem Augenblick, in dem jemand den Mut aufbringt, schlicht zu fragen: Wo steht das? Genau diese Frage fürchtet ein bestimmter Teil unseres Medienbetriebs offenbar am meisten. Und das ist, bei aller gebotenen Zuspitzung, ein Befund, der nachdenklich stimmen sollte.

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