
Wiesn-Vergleich der Grünen: Wenn die Faktenlage im Weg steht

In der MDR-Spitzenrunde zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist am Dienstagabend ein Streit über innere Sicherheit eskaliert. Die Grünen-Spitzenkandidatin Susan Sziborra-Seidlitz führte ausgerechnet das Münchner Oktoberfest an, um jeden Zusammenhang zwischen Migration und Sicherheitslage zurückzuweisen. Am 6. September wird in Magdeburg ein neuer Landtag gewählt.
„Jeder Weihnachtsmarkt sieht aus wie eine Festung“
Ausgangspunkt war ein Vorstoß von AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Er verwies auf die immer aufwendigeren Sicherheitsvorkehrungen bei Volksfesten und nannte auch das Burgfest im altmärkischen Tangermünde als Beispiel. Sein Satz: „Jeder Weihnachtsmarkt sieht aus wie eine Festung.“
Direkt angesprochen, ob es dieses Problem nicht auch in Quedlinburg gebe – dort sitzt Sziborra-Seidlitz seit 2014 im Stadtrat –, räumte die Grünen-Politikerin die Lage ein. Einen Zusammenhang mit Migration wollte sie jedoch nicht akzeptieren. Auch Linken-Spitzenkandidatin Eva von Angern bestritt dem Bericht zufolge eine solche Verbindung: Sicherheit sei Sache von Polizei und Justiz.
Der Anschlag von 1980 – und was danach kam
Zur Begründung sagte Sziborra-Seidlitz, beim Oktoberfest gebe es „seit Jahrzehnten solche Sicherheitsmaßnahmen wegen eines rechtsextremen Anschlages“. Und weiter: „Es ist ein Problem von Sicherheit und nicht ein Problem von Migration. Hören Sie auf, dafür Menschengruppen verantwortlich zu machen.“
Der Anschlag existiert. 1980 zündete der Attentäter Gundolf Köhler am Haupteingang der Wiesn eine Bombe, zwölf weitere Menschen starben, mehr als 200 wurden verletzt. Es war einer der schwersten rechtsextremen Terrorakte der Bundesrepublik – und er wird bis heute zu Recht als Mahnmal behandelt.
Nur: Die heute sichtbaren Absperrungen, Taschenverbote und Kontrollschleusen stammen nicht aus dieser Zeit.
2009 und 2016: Die entscheidenden Verschärfungen
Dem Bericht zufolge wurde das Sicherheitskonzept 2009 nach islamistischen Drohvideos ausgeweitet – mit Sperrring, gesperrten Zufahrten und zusätzlichen Kontrollstellen. Die zweite große Verschärfung folgte 2016: Rucksäcke und größere Taschen verboten, das Gelände abgeschottet, Zutritt nur noch über kontrollierte Zugänge.
Die Stadt München nannte die Gründe damals selbst. Kreisverwaltungsreferent Thomas Böhle erklärte:
„Im Lichte der jüngsten Ereignisse, nach dem Amoklauf am OEZ und vor allem nach dem Bombenanschlag in Ansbach, haben wir das Konzept für die Wiesn auf den Prüfstand gestellt.“
In Ansbach sprengte sich im Juli 2016 ein 27-jähriger Syrer, der als Asylbewerber nach Deutschland gekommen war, vor einem Musikfestival in die Luft. Zahlreiche Menschen wurden verletzt. Es war ein islamistischer Anschlag.
Ein Land, das sich seine Feste selbst einzäunt
Besonders bitter wirkt die Debatte im Wahlkampfland Sachsen-Anhalt. Auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt starben im Dezember 2024 sechs Menschen, über 300 wurden verletzt; das Landgericht Magdeburg verurteilte den Täter Medienberichten zufolge im Juni 2026 wegen Mordes in sechs Fällen zu lebenslanger Haft.
Aus Sicht unserer Redaktion zeigt der Auftritt vor allem eines: Wer Ursachen umdeutet, löst kein einziges Sicherheitsproblem. Für viele Bürger ist der Betonpoller vor der Bratwurstbude längst zum Symbol geworden – für eine Politik, die Symptome verwaltet, statt Antworten zu geben. In den Umfragen liegt die AfD in Sachsen-Anhalt laut Wahltrends bei rund 42 Prozent, die Grünen kämpfen um den Einzug ins Parlament. Ein Zufall dürfte das kaum sein.

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