
Wut-Köder fürs Kanzleramt: Wer Manuela Schwesig nach oben trommeln will

Ein Netzwerk aus PR-Profis soll Manuela Schwesig den Weg ins Kanzleramt ebnen. Das berichtet eine Hauptstadtzeitung. Demnach setzen die Strategen auf ein Werkzeug, das in diesem Jahr schon zwei Landtagswahlen mitgeprägt haben soll: gezielte Empörung im Netz und maximale Zuspitzung im Lager-Kampf gegen die AfD.
Ragebait: Vom Jugendwort zur Wahlkampfwaffe
„Ragebait“ ist zum Jugendwort des Jahres gekürt worden. Gemeint ist der Wut-Köder, also ein künstlich erzeugter Aufreger in den sozialen Medien. Ein Politiker teilt zum Beispiel eine angebliche Verfehlung des Gegners, und die eigene Anhängerschaft schäumt pflichtschuldig.
Mit klassischer Öffentlichkeitsarbeit hat das wenig zu tun. Früher ging es um Vertrauen und ein sauberes Image. Heute zählt in der Aufmerksamkeitsökonomie vor allem eines: Sichtbarkeit, koste es, was es wolle. Laut dem Bericht wollen einige Agenturen genau diese Logik nun für Schwesig nutzen. Die CDU liege ohnehin am Boden, heißt es dort.
Die Blaupause aus Stuttgart und Magdeburg
Wie so etwas funktioniert, haben andere Medien in den vergangenen Monaten ausführlich beschrieben. Im Zentrum steht demnach die Berliner Agentur The Goodforces GmbH. Ihre Geschäftsführer haben früher für die Grünen im Europaparlament gearbeitet. In ihrer Selbstbeschreibung heißt es, man dürfe dort zuspitzen, wo NGOs vorsichtig sein müssten und Medien neutral blieben.
Als eigenen Erfolg verbucht die Agentur laut Presseberichten den Schlussspurt im baden-württembergischen Landtagswahlkampf. Dort tauchte ein altes Interview-Video von CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel wieder auf, das berüchtigte „Rehaugen“-Video. Die Agentur habe den Clip zwar nicht selbst ausgegraben, ihn aber nach eigenen Angaben mit knapp neun Millionen zusätzlichen Aufrufen verbreitet. Die CDU sprach von einer Schmutzkampagne. Am Ende gewannen die Grünen.
„Taktisch Wählen“ gegen die absolute Mehrheit
In Sachsen-Anhalt finanzierte die Agentur Berichten zufolge Flyer, Website und Fahrtkosten der Initiative „Taktisch Wählen“. Die warb an rund 30.000 Haustüren dafür, SPD oder Grüne über die Fünfprozenthürde zu hieven. Die AfD holte am 6. September zwar 43,8 Prozent, verfehlte aber die absolute Mehrheit. SPD und Grüne mussten die Unterstützung als Parteispenden melden, jeweils mit 38.150 Euro.
Kritik kam nicht nur von rechts. Sahra Wagenknecht sprach von einer „schmutzigen Kampagne“. Selbst die Linke in Sachsen-Anhalt hielt nach eigenen Worten nichts davon, Bürgern eine Stimme gegen die eigene Überzeugung zu empfehlen.
Schwesigs Sprungbrett heißt Rot-Rot-Grün
Und Schwesig? In Mecklenburg-Vorpommern wurde die AfD am 20. September mit 38,2 Prozent stärkste Kraft, die SPD kam auf 35,5 Prozent. Die CDU stürzte auf 4,9 Prozent ab und flog aus dem Landtag – ein historisches Debakel. Trotzdem bleibt Schwesig dank Linken und Grünen an der Macht. Ein Projekt der Agentur namens „neunund20“ träumt Berichten zufolge offen von einer rot-rot-grünen Mehrheit nach der Bundestagswahl 2029.
Bundesweit ist der Weg dorthin plötzlich frei. Bärbel Bas ist als Arbeitsministerin und SPD-Co-Chefin zurückgetreten. Die Partei will im Winter ihre gesamte Spitze neu wählen. Schwesig selbst hält sich zu einer Kandidatur bislang auffällig bedeckt.
Wer bestimmt hier eigentlich die Agenda?
Erlaubt ist das alles. Doch es bleibt ein schaler Beigeschmack. Wenn Agenturen mit Parteinähe Empörungswellen orchestrieren und Wählerströme lenken wollen, verwischen die Grenzen zwischen Zivilgesellschaft und Parteiapparat. Transparenz sieht anders aus.
Für viele Bürger stellt sich deshalb eine unbequeme Frage. Entscheidet am Ende die bessere Politik – oder der lauteste Wut-Köder? Während Deutschland mit Rekordschulden, Wirtschaftsflaute und Sicherheitsproblemen kämpft, wirkt ein Machtkampf, der vor allem über Klickzahlen ausgetragen wird, wie ein schlechter Witz.
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