
Zinspause der EZB: Wenn die Notenbanker im Nebel stochern und der Bürger den Preis zahlt
Frankfurt am Main. Die Europäische Zentralbank hat sich entschieden – oder besser gesagt: Sie hat sich entschieden, sich nicht zu entscheiden. Der Einlagenzins im Euro-Raum verharrt bei mageren 2,25 Prozent. Keine Erhöhung, keine Senkung, nur ein vielsagendes Achselzucken aus dem gläsernen Turm im Frankfurter Ostend. „Die Unsicherheit ist nach wie vor hoch“, heiße es im Beschluss des EZB-Rats. Man könnte fast meinen, die obersten Währungshüter hätten diesen Satz auf eine Endlosschleife gelegt.
Ein Balanceakt zwischen Krieg, Öl und Gaspreisen
Der Grund für das vorsichtige Taktieren liegt auf der Hand: Der eskalierende Konflikt zwischen den USA und dem Iran treibt die Energiepreise zurück in schwindelerregende Höhen. Die Ölsorte Brent sprang am Donnerstag um satte 4,5 Prozent und erreichte den höchsten Stand seit Anfang Juni. Europäisches Erdgas kostet fast doppelt so viel wie vor Kriegsbeginn – der TTF-Gaspreis kletterte erstmals seit Mitte März über die 60-Euro-Marke.
Und genau hier liegt das Dilemma, das Europa seit Jahren wie ein Mühlstein am Hals hängt: Der Kontinent importiert seine Energie. Steigen die Preise auf den Weltmärkten, schlägt das ungebremst auf die Inflation durch. Wer erinnert sich nicht an die verhängnisvolle Energiepolitik, die uns in diese Abhängigkeit manövriert hat? Statt auf verlässliche Versorgung zu setzen, wurde jahrelang ideologisch abgeschaltet, verboten und moralisiert – und nun zahlt der Bürger die Zeche an der Tankstelle und auf der Heizkostenabrechnung.
Die Inflation bleibt ein hartnäckiger Gast
Das erklärte Ziel der EZB, eine Teuerungsrate von glatten zwei Prozent, wirkt derzeit wie ein frommer Wunsch. Im Juni lag die Inflation im Euro-Raum bereits bei 2,8 Prozent. Und die Prognosen der Notenbanker gehen davon aus, dass die Teuerung bis weit ins kommende Jahr hinein über dem Ziel liegen werde. Wie deutlich die Abweichung ausfalle, hänge maßgeblich davon ab, wie sich die Energiepreise entwickelten.
Die Auswirkungen des Energieschocks auf die Inflation seien noch nicht vollständig zum Tragen gekommen, warnen die Währungshüter selbst.
Viele Marktbeobachter rechnen bereits fest damit, dass die EZB im September nachlegen und den Zins auf 2,5 Prozent anheben werde. Manche Investoren stellen sich sogar auf gleich zwei Zinsschritte bis Jahresende ein. Der ZEW-Ökonom Friedrich Heinemann brachte es auf den Punkt: Je länger am Golf die Waffen sprächen, desto wahrscheinlicher werde eine weitere Zinserhöhung nach der Sommerpause.
Anleihemärkte in Aufruhr – die Renditen explodieren
An den Kapitalmärkten hinterlässt die Gemengelage deutliche Spuren. Europaweit schossen die Anleiherenditen am Donnerstag in die Höhe, teils auf mehrjährige Höchststände. Die Rendite zehnjähriger deutscher Bundesanleihen kletterte auf bis zu 3,205 Prozent – ein Wert, den man zuletzt im Jahr 2011 gesehen hatte. Vor Ausbruch des Krieges lag die Verzinsung noch bei 2,65 Prozent.
Interessant ist ein Detail, das der LBBW-Analyst Elmar Völker beisteuert: Der Renditeanstieg lasse sich nicht allein mit verschobenen Zinserwartungen erklären. Vielmehr sei denkbar, dass die Marktakteure die Eskalation im Nahen Osten schlicht zu sorglos betrachtet hätten. Und – das ist der eigentlich brisante Punkt – auch die stetig wachsende Staatsverschuldung rücke bei Investoren wieder stärker ins Bewusstsein. Ein Warnschuss, den man in Berlin überhören dürfte, wo man sich gerade anschickt, ein 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen zu verpulvern und die Schuldenlast künftiger Generationen munter aufzutürmen.
Der Kontrast zum Zins-Schock von 2022
Wer sich an das Inflationstrauma von 2022 erinnert, atmet vermutlich vorsichtig auf. Damals, nach Russlands Überfall auf die Ukraine, hob die EZB den Einlagensatz binnen 15 Monaten von minus 0,5 auf sagenhafte 4,0 Prozent an – eine derart radikale Zinswende hatte es seit der Einführung des Euro nicht gegeben. Die Teuerung schnellte in der Spitze auf 10,6 Prozent.
Heute stellt sich die Lage weniger dramatisch dar. Die staatlichen Hilfen wie der Tankrabatt sind ausgelaufen, die Konjunktur läuft zäh, und die Industrie zögert diesmal, ihre Mehrkosten an die Verbraucher weiterzureichen. Der Einlagensatz von 2,25 Prozent gilt bereits als konjunkturneutral. Kurzum: Die EZB wähnt sich in einer komfortableren Ausgangslage. Ob dieses Selbstvertrauen berechtigt ist, wenn die Waffen am Golf weiter sprechen und Berlin die Schuldenschleusen öffnet, steht auf einem anderen Blatt.
Was bedeutet das für den deutschen Sparer?
Für die fleißigen Sparer bleibt die bittere Erkenntnis: Selbst ein Zins von 2,25 Prozent wird von einer Inflation von 2,8 Prozent gnadenlos aufgefressen. Real verliert das mühsam Ersparte weiter an Kaufkraft – Monat für Monat, Woche für Woche. Wer glaubt, sein Geld sei auf dem Tagesgeldkonto sicher, der irrt gewaltig. Es schmilzt dort dahin wie Butter in der Sonne, nur langsamer und tückischer.
Vor diesem Hintergrund lohnt der Blick auf die zeitlosen Konstanten der Vermögenssicherung. Physische Edelmetalle wie Gold und Silber haben über Jahrhunderte bewiesen, dass sie Kaufkraft bewahren, wenn Papierwährungen und Notenbankversprechen ins Wanken geraten. In Zeiten geopolitischer Verwerfungen, explodierender Energiepreise und ausufernder Staatsverschuldung dürfte eine kluge Beimischung von echtem Sachwert in ein breit gestreutes Portfolio für viele Anleger eine sinnvolle Überlegung sein – kein Versprechen, aber ein solider Anker gegen die Stürme, die uns die Politik beschert.
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