
Zwei Klicks, ein Aufstand: Athen kassiert Gender-Optionen wieder ein

Zwei zusätzliche Auswahlfelder auf einer staatlichen Gesundheitsplattform haben in Griechenland eine politische Grundsatzdebatte ausgelöst. Auf dem Portal der staatlichen Krankenkasse Eopyy konnten Versicherte beim Geschlecht neben „männlich“ und „weiblich“ plötzlich auch „andere“ und „nicht angegeben“ anklicken. Wenige Stunden nach Bekanntwerden waren die Optionen wieder verschwunden – und die Regierung von Kyriakos Mitsotakis in Erklärungsnot.
Ein Ex-Premier riecht Blut
Zuerst berichtete die konservative Zeitung Estia über den Vorgang. Kurz darauf griff der frühere Ministerpräsident und einstige Chef der Nea Dimokratia, Antonis Samaras, das Thema auf der Plattform X auf und warf der Regierung vor, eine „woke Agenda“ in die Verwaltung getragen zu haben.
Besonders brisant: Nach Samaras' Darstellung sei die Angabe des Geschlechts auf der Plattform verpflichtend gewesen, um hochpreisige Medikamente zu erhalten. Er sprach von einer bewussten politischen Entscheidung, die sich längst auch in Schulbüchern zeige.
„Griechenland stirbt demografisch aus, und die Familie braucht Unterstützung, keine Neudefinition“, erklärte Samaras.
Ministerium: Der Dienstleister war's
Das Gesundheitsministerium in Athen wies die Vorwürfe umgehend zurück. Die Zusatzkategorien stammten vom externen IT-Dienstleister und seien nach einem internationalen Standard eingebunden worden, der solche Felder in IT-Systemen vorsieht. Gesundheitsminister Adonis Georgiadis ließ sie streichen und konterte Samaras scharf.
Trotzdem folgte aus dem Regierungslager eine Klarstellung, die an Eindeutigkeit nichts vermissen lässt. Regierungssprecher Pavlos Marinakis sagte:
„Es gibt zwei Geschlechter. Das wird sich niemals ändern, insbesondere nicht unter dieser Regierung.“
Bemerkenswert ist, wie schnell Athen reagierte. Wer die deutsche Debatte um Selbstbestimmungsgesetz und Behördensprache verfolgt hat, dürfte den Kontrast bemerken: Hier wird ein Formularfeld binnen Stunden zurückgenommen – dort werden Sprachvorgaben jahrelang gegen den Willen großer Bevölkerungsmehrheiten ausgerollt.
Warum der Streit die Nea Dimokratia trifft
Der Zeitpunkt ist alles andere als zufällig. Vor den Parlamentswahlen 2027 steht die Regierungspartei ohnehin unter Druck: Überwachung von Oppositionspolitikern durch den Geheimdienst, Vertuschungsvorwürfe nach dem Zugunglück von Tempi, ein millionenschwerer Betrug mit EU-Agrarsubventionen. In Umfragen führt die Nea Dimokratia zwar weiter, kommt aber nur noch auf rund 29 Prozent – nach 41 Prozent bei der Wahl 2023.
Gleichzeitig sortiert sich die Parteienlandschaft neu:
- Links: Ex-Premier Alexis Tsipras versucht mit einer neuen Formation, das zersplitterte Mitte-links-Lager zu bündeln.
- Bürgerbewegung: Maria Karystianou, deren Tochter bei Tempi starb, arbeitet an einem eigenen politischen Projekt.
- Rechts: Um konservative Wähler konkurriert die Regierungspartei bereits mit Kräften wie der Elliniki Lysi.
Samaras als Bedrohung von rechts
Nun droht ausgerechnet der Mann gefährlich zu werden, der von 2012 bis 2015 selbst regierte. Berichten der Athener Zeitung Kathimerini zufolge plane Samaras noch im September die Gründung einer eigenen Partei. Ende 2024 war er aus der Nea Dimokratia ausgeschlossen worden – nach scharfer Kritik an Mitsotakis' Annäherung an die Türkei und an der Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare.
Sein Wählerpotenzial ist messbar: Im Juli erklärten fünf Prozent der Befragten, eine Samaras-Partei sicher zu wählen, weitere acht Prozent hielten es für wahrscheinlich. Dass er das Gender-Thema mit dem demografischen Schwund verknüpft, verfehlt seine Wirkung nicht – Griechenland altert, die Geburtenrate sinkt, und über Jahre haben vor allem junge, gut ausgebildete Griechen das Land verlassen.
Aus Sicht unserer Redaktion zeigt der Fall vor allem eines: Bürger reagieren hochsensibel, wenn Verwaltungen Identitätspolitik durch die Hintertür einführen. Zwei Klickoptionen genügten, um ein ganzes Regierungslager zur Grundsatzerklärung zu zwingen.

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