
17 Punkte Vorsprung: In Sachsen-Anhalt bricht die CDU weg – und niemand hat einen Plan
Es gibt Zahlen, die man politisch wegmoderieren kann. Und es gibt Zahlen, die einer Regierungspartei wie ein nasser Lappen ins Gesicht klatschen. Die neueste Erhebung von Infratest Dimap für MDR, WDR, Mitteldeutsche Zeitung und Volksstimme gehört klar in die zweite Kategorie: 41 Prozent für die AfD, 24 Prozent für die CDU. Siebzehn Prozentpunkte Abstand. Ein Rekord bei diesem Institut – und eine politische Ohrfeige für Ministerpräsident Sven Schulze, dessen Partei gegenüber der Mai-Umfrage gleich zwei Punkte verliert.
Die Verschiebung des Jahrzehnts
Man muss sich diese Dimension einmal in Ruhe vor Augen führen. Gegenüber der Landtagswahl 2021 würde die AfD ihr Ergebnis mehr als verdoppeln, während die Union rund dreizehn Prozentpunkte in den Orkus schickt. Solche tektonischen Verschiebungen sind in der deutschen Wahlgeschichte seltene Ausnahmen. Sie passieren nicht wegen guter Plakate. Sie passieren, wenn eine Bevölkerung das Vertrauen verliert.
Und woran könnte das liegen? Vielleicht daran, dass ein Kanzler Friedrich Merz vor der Wahl verspricht, keine neuen Schulden zu machen – und wenige Monate später ein 500-Milliarden-Sondervermögen durchwinkt, dessen Zinsen die Enkel der heutigen Steuerzahler abstottern werden. Vielleicht daran, dass die Klimaneutralität bis 2045 im Grundgesetz verankert wurde, während die Industrie abwandert und die Strompreise die Wettbewerbsfähigkeit auffressen. Vielleicht auch daran, dass Migration, Kriminalität und Messerangriffe längst kein Randthema mehr sind, sondern Alltagserfahrung – gerade in ostdeutschen Kleinstädten, in denen der Wähler nicht in geschützten Berliner Bezirken lebt.
Die FDP: nicht einmal mehr namentlich erwähnt
Besonders bitter liest sich das Schicksal der Freien Demokraten. Die Partei sitzt in Magdeburg mit am Kabinettstisch – und taucht in der Umfrage nicht mehr eigenständig auf. Sie verschwindet unter „Sonstige“, jenem statistischen Sammelgrab für politische Restposten. Wer noch einmal die Selbstbeschreibung als „Partei der Leistungsträger“ hören will, muss wohl ins Archiv greifen.
Wenn eine Regierungspartei in der Umfrage nicht mehr einzeln ausgewiesen wird, ist das kein Umfragetief. Das ist eine politische Todesanzeige.
Rechnen mit der Brandmauer
Drittstärkste Kraft bleibt die Linkspartei mit 13 Prozent – plus eins. Die SPD stabilisiert sich bei sieben Prozent, nachdem Insa sie zuletzt bei fünf sah. Die Grünen legen ebenfalls zu und liegen mit exakt fünf Prozent auf der Rasierklinge. Das BSW kommt auf vier Prozent und wäre draußen. Rechnerisch ergibt das ein bemerkenswertes Bild: Die sogenannte „Deutschland-Koalition“ aus CDU, SPD und FDP wäre erledigt. Übrig bleibt als realistische Mehrheitsoption ein Bündnis aus Union, SPD, Grünen und Linken.
Man lasse sich das auf der Zunge zergehen: Eine CDU, die bei 24 Prozent liegt, müsste sich mit der Nachfolgepartei der SED und den Grünen zusammentun, um eine Partei mit 41 Prozent von der Macht fernzuhalten. Das nennt man dann „Verteidigung der Demokratie“. Der Wähler nennt es anders – und diese Einschätzung teilt inzwischen nicht nur unsere Redaktion, sondern ein erheblicher Teil der Bevölkerung.
Was die Zahlen für Ulrich Siegmund bedeuten
Für AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund ist die Lage paradox. Weil die Grünen wieder in den Landtag rutschen würden, steigt die Schwelle für eine absolute Mehrheit auf etwa 45,5 Prozent – das angestrebte Alleinregieren rückt also ein Stück weiter weg. Scheitern Grüne oder SPD hingegen doch an der Fünf-Prozent-Hürde, würde es deutlich einfacher. Und käme das BSW hinein, wären selbst eine Minderheitsregierung oder ein blau-lila Bündnis nicht mehr aus der Welt.
Unterm Strich: Sachsen-Anhalt wird zum Testlabor dafür, wie lange sich politische Ausgrenzung gegen arithmetische Realität behaupten lässt. Wer glaubt, man könne 41 Prozent dauerhaft in Quarantäne halten, ohne das Vertrauen in den Parlamentarismus selbst zu beschädigen, hat aus den letzten zehn Jahren nichts gelernt.
Politische Unsicherheit hat einen Preis – auch für Vermögen
Für Sparer und Anleger ist diese Gemengelage mehr als ein Kuriosum aus der Provinz. Wo Regierungen ohne Rückhalt regieren, wo Schuldenberge wachsen und Zusagen im Wahlkampf eine Halbwertszeit von Wochen haben, leidet am Ende die Kaufkraft. Wer Geschichte kennt, weiß: Papierversprechen sind wandelbar, physisches Gold und Silber sind es nicht. Als nüchterne Beimischung in einem breit gestreuten Vermögen haben Edelmetalle über Jahrhunderte bewiesen, dass sie unabhängig von Koalitionsrechnereien Substanz bewahren.
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