
22 Prozent Rentenbeitrag: Wie Merz' „Gesamtkunstwerk" zur nächsten Abgabenlawine wird

Es gibt in Deutschland kaum noch eine ernstzunehmende Stimme, die behauptet, das Rentensystem sei zukunftsfest. Der demografische Umbruch frisst sich seit Jahrzehnten durch die Beitragskassen, und jeder Kanzler seit Norbert Blüms legendärem „Die Renten sind sicher" hat das Problem lieber vertagt als gelöst. Nun also der große Wurf: Die von der Bundesregierung eingesetzte Rentenkommission legte Ende Juni 33 Empfehlungen vor, die Kanzler Friedrich Merz und Sozialministerin Bärbel Bas als „Gesamtkunstwerk" übernehmen wollen. Ein Begriff, der bei Steuerzahlern eher Fluchtreflexe als Vorfreude auslöst.
Wenn die Arbeitgeber Sturm laufen, sollte man hinhören
Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände hat in einer Stellungnahme deutlich gemacht, dass sie das Konzept in dieser Form ablehnt. Der Grund ist schnell erklärt: Ab 2028 soll ein zusätzlicher Beitrag eingeführt werden, der bis 2031 stufenweise auf zwei Prozent des Bruttolohns klettert – hälftig getragen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Das Geld soll auf individuellen Kapitalkonten über einen staatlich gelenkten Fonds am Kapitalmarkt angelegt werden.
Die Rechnung der Arbeitgeber ist ernüchternd. Mehr als 40 Milliarden Euro zusätzliche Belastung für Betriebe und Beschäftigte. Die Gesamtbeitragsbelastung zur Alterssicherung könnte binnen fünf Jahren von heute 18,6 auf rund 22 Prozent steigen. Und die Gesamtlast der Sozialabgaben auf Löhne und Gehälter? Die würde auf sagenhafte 46 Prozent klettern.
Die ohnehin schon sehr hohen Arbeitskosten in Deutschland würden weiter steigen – und den Beschäftigten bliebe noch weniger Netto vom Brutto.
Der Blick nach Schweden: Warum das Vorbild besser funktioniert
Ausgerechnet die Grundidee ist gar nicht schlecht. Schweden hat 1998 eine Rentenreform durchgezogen, bei der 2,5 Prozent des Bruttoeinkommens verpflichtend in die sogenannte Prämienrente fließen, angelegt am Kapitalmarkt. Wer nicht selbst auswählt, landet im staatlichen Standardfonds AP7. Zwischen 2000 und 2025 erzielte dieser eine durchschnittliche Jahresrendite von elf Prozent, im Jahr 2024 sogar 27,3 Prozent. Die Verwaltungsgebühr liegt bei mageren 0,05 Prozent.
Der entscheidende Unterschied: In Schweden fließen insgesamt 18,5 Prozent des pensionspflichtigen Einkommens in die gesetzliche Altersvorsorge – die regulären Rentenbeiträge sind dort deutlich niedriger. In Deutschland dagegen wird der Kapitalanteil einfach obendrauf gesattelt. Bis zu 22 Prozent. Wer hätte das gedacht: Der deutsche Staat kopiert ein Modell und behält vom Original nur den Teil, der Geld kostet.
Alternativen liegen auf dem Tisch – doch wer hört zu?
Die Arbeitgeber schlagen unter anderem vor, die Beitragsbemessungsgrenze bei der Kapitalrente auf den Durchschnittsverdienst zu senken. Höhere Einkommen wären dann ganz oder teilweise von der neuen Abgabe befreit, ein Teil der Zusatzlast fiele weg. Zusätzlich fordert die BDA eine schnellere Anhebung des Renteneintrittsalters, keine Ausnahmen beim Ausstieg aus der abschlagsfreien Frührente, eine Reform der Hinterbliebenenversorgung und einen gestärkten Nachhaltigkeitsfaktor.
Letzterer klingt harmlos, bedeutet aber im Klartext: künftig geringere Rentenerhöhungen, wenn immer weniger Beitragszahler immer mehr Rentner finanzieren müssen. Und beim Renteneintrittsalter sei ausdrücklich Skepsis angebracht – die Altersgrenze steigt seit Jahren ohnehin kontinuierlich. Der Ruhestand, den sich Menschen nach Jahrzehnten harter Arbeit ehrlich verdient haben, rückt so immer weiter in eine ferne Zukunft. Man arbeitet, zahlt, arbeitet weiter – und darf am Ende hoffen, dass überhaupt noch etwas übrig ist.
Ein staatlich gelenkter Fonds – was soll da schon schiefgehen?
Bei einem Punkt sind sich die Kritiker der Reform einig: Der Aufbau einer kapitalgedeckten Altersvorsorge dürfe nicht über zusätzliche Pflichtbeiträge auf die bereits erdrückende Abgabenlast finanziert werden. Nur ohne Mehrbelastung für Betriebe und Beschäftigte könne das Modell überhaupt gelingen.
Bleibt die unangenehme Frage, die sich viele Bürger stellen dürften: Wie viel Vertrauen verdient ein Staat, der schon mehrfach in Kassen gegriffen hat, die ihm nur anvertraut waren? Wer einen Kapitalstock in staatliche Obhut gibt, sollte wissen, dass in Berlin regelmäßig neue Haushaltslöcher entstehen – zuletzt nicht zuletzt durch das 500-Milliarden-Sondervermögen und eine Zinslast, die künftige Haushalte auf Jahre hinaus fesselt. Ein Kanzler, der versprach, keine neuen Schulden zu machen, verwaltet nun einen der größten Schuldenberge der Nachkriegsgeschichte.
Und genau deshalb wächst bei vielen Sparern der Wunsch nach Vermögensbestandteilen, die keiner Regierung, keinem Fondsmanagement und keiner politischen Umverteilungsidee unterliegen. Physisches Gold und Silber liegen im eigenen Zugriff, ohne Beitragsbescheid, ohne Reformkommission, ohne „Gesamtkunstwerk". Als Beimischung in einem breit gestreuten Portfolio bleiben sie ein bewährter Anker gegen politische Willkür und Kaufkraftverlust.
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