
230-Milliarden-Falle: Warum dem Dollar der Absturz droht

Der US-Dollar wirkt stark wie lange nicht. Steigende Anleiherenditen und die Aussicht auf weitere Zinsschritte der Fed treiben den Greenback. Doch unter der glänzenden Oberfläche baut sich ein Risiko auf, das eine Abwärtsspirale in Gang setzen könnte – ein Milliardenrisiko, über das kaum jemand spricht.
Rekordbestände, aber kaum abgesichert
Die Zahlen sind bemerkenswert: Pensionsfonds und Versicherer aus Kanada, Dänemark, Australien, Taiwan, Japan und Finnland hatten laut einem Bloomberg-Bericht zum 30. Juni nur noch 41 Prozent ihrer Fremdwährungsrisiken abgesichert. Das ist der niedrigste Stand seit mindestens 2015. Vor wenigen Jahren lag die Quote noch über 50 Prozent.
Gleichzeitig türmen sich die ausländischen Bestände an US-Vermögenswerten auf fast 40 Billionen Dollar – ein Rekord. Aktien machen den größten Block aus, dazu kommen Treasuries sowie Unternehmens- und Agency-Anleihen.
Genau diese Mischung ist brisant. Würden die Investoren aus diesen sechs Märkten ihre Absicherungsquote lediglich um fünf Prozentpunkte anheben, entstünden dem Bericht zufolge Transaktionen von rund 230 Milliarden Dollar. Eurozone und Großbritannien sind dabei noch gar nicht mitgezählt.
Der Verkaufsdruck kommt durch die Hintertür
Das Perfide daran: Niemand muss eine einzige US-Aktie oder eine einzige Staatsanleihe abstoßen. Es genügt, das Währungsrisiko über Termingeschäfte abzusichern – also Dollar auf Termin zu verkaufen. Amerikanische Papiere könnten also weiter gefragt bleiben, während der Dollar trotzdem unter die Räder gerät.
Lange sprach viel gegen volle Absicherung. Die Kosten waren wegen der Zinsdifferenzen hoch, und der Dollar selbst galt als Schutzschild: In Krisen wertete er meist auf. Doch die Kosten fallen. Ein dreimonatiger Dollar-Hedge kostet japanische Investoren derzeit rund 2,75 Prozent – so wenig wie seit vier Jahren nicht. Im Oktober 2023 waren es noch sechs Prozent.
Nathan Thooft von Manulife Investment Management sieht darin einen möglichen Wendepunkt: Sollten die Märkte weitere Fed-Erhöhungen auspreisen und die Zinsdifferenzen schrumpfen, könnte ein „stetiger Verkaufsdruck" auf den Dollar entstehen.
2025 war die Generalprobe
Dass dieser Mechanismus funktioniert, hat der Frühling 2025 gezeigt. Nach Trumps Zollankündigungen im April brach der Dollar ein. Untersuchungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zufolge behielten ausländische Anleger ihre US-Papiere, stockten aber ihre Absicherungen auf – und verstärkten damit die Dollar-Schwäche im April und Mai.
Dazu kommt der sogenannte Debasement Trade: die Erwartung, dass gewaltige US-Schulden und politisch gewünscht niedrige Finanzierungskosten den Dollar langfristig aushöhlen. Bloomberg-Strategin Tatiana Darie beobachtet, dass sich der Greenback zunehmend von nominalen und realen Renditen abkoppelt – die Glaubwürdigkeit der US-Wirtschaftspolitik rücke in den Vordergrund. Auch Stuart Simmons vom Vermögensverwalter QIC zweifelt daran, dass der Dollar in einer geopolitisch zerrissenen Welt weiter das defensive Instrument erster Wahl bleibe.
Das Paradoxon der hohen Zinsen
Noch ist von Flucht keine Spur. Nach der als hawkish gewerteten Jackson-Hole-Rede von Fed-Chef Kevin Warsh kletterte die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen auf rund 4,8 Prozent, der Iran-Konflikt und höhere Ölpreise heizen die Inflationssorgen zusätzlich an.
Doch genau die hohen Zinsen, die den Dollar heute stützen, haben die Investoren jahrelang von Absicherungen abgehalten. Kippt der Zinsvorteil, kippt womöglich das ganze Kartenhaus. Für Anleger, die ein Gegengewicht ohne Gegenparteirisiko suchen, bleiben physische Edelmetalle – Gold notiert aktuellen Marktdaten zufolge um 4.385 Dollar je Unze – eine naheliegende Beimischung.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion wieder und stellt keine Anlageberatung dar. Wir empfehlen keine konkreten Finanzprodukte. Jeder Anleger trägt die Verantwortung für seine Entscheidungen selbst und sollte eigenständig recherchieren.

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