
Bellevue-Poker: Lindner schlägt sich auf Aigners Seite!

Christian Lindner meldet sich im Ringen um das höchste Staatsamt zu Wort. Der frühere Bundesfinanzminister und Ex-FDP-Chef hat sich am 29. Oktober 2026 im Fernsehsender „Welt“ für Bayerns Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) als künftige Bundespräsidentin ausgesprochen. Kanzler Friedrich Merz schweigt dazu weiter, und so wächst der Druck auf die CDU-Zentrale.
„Ich würde die wählen“
Lindner ließ an seiner Haltung keine Zweifel. Es sei gut, wenn jemand antrete, der nicht nur für eine Partei spreche, sondern über die Parteigrenzen hinaus Anerkennung finde. Gerade in der aktuellen Lage könne Erfahrung in politischen Spitzenämtern ein Vorteil sein.
„Ich fände, dass Ilse Aigner eine gute Wahl wäre. Ich würde die wählen.“
Das ist ein klares Wort von einem Mann, der seit dem Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag im Februar 2025 kein politisches Amt mehr hat. Seine Stimme hat trotzdem Gewicht. Sie zeigt, wie breit der Rückhalt für die 61-jährige Oberbayerin inzwischen ist, die früher Bundesagrarministerin war.
Lob für Steinmeier, mit leisem Unterton
Im Februar 2022 hatte Lindner die Wiederwahl von Frank-Walter Steinmeier unterstützt. Bereut habe er das nicht, ließ er durchblicken. Der Bundespräsident habe in schwierigen Zeiten mehrere Debatten angestoßen. Besonders gefallen habe ihm, dass Steinmeier regelmäßig den „sich manchmal selbstgenügenden Kosmos“ des politischen Berlin verlassen und sein Amt zeitweise in die Regionen verlegt habe.
Dann folgte eine Einschränkung: Vielleicht bleibe nicht „die ganz große Rede und Initiative“ in Erinnerung, räumte Lindner ein. Beobachter dürften das als höfliche, aber deutliche Bilanz lesen. Ein Ruck wie bei Roman Herzog im Jahr 1997 ist Steinmeier in zehn Amtsjahren nach Ansicht vieler Kritiker nie gelungen.
Der Fahrplan nach Bellevue
Viel Zeit bleibt nicht mehr. Die Bundesversammlung tritt am 30. Januar 2027 zusammen. Steinmeiers zweite Amtszeit endet am 18. März 2027, und eine dritte erlaubt das Grundgesetz nicht. Die Fakten im Überblick:
- 1.260 Mitglieder: 630 Bundestagsabgeordnete und 630 Delegierte aus den Ländern
- In den ersten beiden Wahlgängen sind mindestens 631 Stimmen nötig
- Im dritten Wahlgang reicht die einfache Mehrheit
Union und SPD verfügen Berichten zufolge gemeinsam über die absolute Mehrheit. Wer am Ende antritt, entscheidet sich also faktisch in den Hinterzimmern der Koalition.
Merz zögert, die anderen werben
Inzwischen wirbt fast jeder für Aigner, nur die CDU nicht. CSU-Chef Markus Söder treibt die Kandidatur seit Wochen voran. Er argumentiert Medienberichten zufolge, seine Partei habe in 75 Jahren weder einen Kanzler noch einen Bundespräsidenten gestellt und sei nun an der Reihe. Auch aus der SPD kommt Zustimmung: Fraktionschef Matthias Miersch, Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) haben sich hinter Aigner gestellt.
Hinter den Kulissen brodelt es
In der CDU fordern dagegen einige einen Kandidaten aus den eigenen Reihen. Genannt werden laut Berichten Karin Prien, Julia Klöckner, Annegret Kramp-Karrenbauer und Hessens Regierungschef Boris Rhein. Merz hatte angekündigt, nach den Landtagswahlen im September einen gemeinsamen Vorschlag vorzulegen. Mehr als einen Monat später liegt dieser Vorschlag immer noch nicht vor.
Manche Beobachter vermuten hinter Söders Vorstoß auch Eigeninteresse. Eine CSU-Frau im Schloss Bellevue würde ihm einen späteren Griff nach dem Kanzleramt wohl kaum erleichtern. Ob es Aigner wird, ist offen. Fest steht: Je länger Merz zögert, desto mehr wirkt er bei der Suche nach dem Staatsoberhaupt wie ein Getriebener statt wie ein Gestalter. Für einen Kanzler, der Führung versprochen hat, ist das kein gutes Bild.
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