
Brandmauer-Abstimmung in Berlin: Elf Abweichler helfen der AfD nicht

Das Berliner Abgeordnetenhaus hat am Donnerstag in seiner konstituierenden Sitzung den AfD-Kandidaten Martin Trefzer als VizeprĂ€sidenten abgelehnt. Er bekam nur 40 von 149 abgegebenen Stimmen. AuffĂ€llig ist trotzdem eine Zahl: Die AfD-Fraktion hat 29 Sitze. Mindestens elf Abgeordnete anderer Fraktionen haben also offenbar fĂŒr ihn gestimmt.
Die Zahlen hinter der Niederlage
Das Ergebnis war deutlich. Neben den 40 Ja-Stimmen gab es 99 Nein-Stimmen, acht Enthaltungen und zwei ungĂŒltige Stimmzettel. FĂŒr die Wahl hĂ€tte Trefzer mindestens 77 Stimmen gebraucht, also die Mehrheit der 153 Abgeordneten. Nach der Bekanntgabe vertagte das Parlament den Tagesordnungspunkt.
Weil die Wahl geheim ist, weiĂ niemand genau, wer die elf zusĂ€tzlichen Stimmen abgegeben hat. Unter der plausiblen Annahme, dass die gesamte AfD-Fraktion fĂŒr ihren Kandidaten stimmte, ist das Bild aber eindeutig: Die Front gegen die AfD hĂ€lt, aber nicht mehr ganz geschlossen. Ein Durchbruch ist das nicht, ein Zeichen schon.
Ein Recht, das in der Praxis nichts bringt
Nach der GeschĂ€ftsordnung des Abgeordnetenhauses dĂŒrfen die zweit- und drittstĂ€rkste Fraktion jeweils einen Kandidaten fĂŒr das VizeprĂ€sidium vorschlagen. Die AfD hatte dieses Recht zum ersten Mal. Bei der Wahl am 20. September 2026 kam sie laut amtlichem Endergebnis auf 16,3 Prozent der Zweitstimmen und wurde drittstĂ€rkste Kraft, vor den GrĂŒnen und der SPD.
SPD, GrĂŒne, Linke und CDU hatten schon vor der Sitzung angekĂŒndigt, Trefzer nicht zu wĂ€hlen. Der Parlamentarische GeschĂ€ftsfĂŒhrer der GrĂŒnen, Sebastian Walter, begrĂŒndete das im Tagesspiegel so:
âDas Amt der VizeprĂ€sidentin oder des VizeprĂ€sidenten setzt ein hohes MaĂ an IntegritĂ€t, Unbescholtenheit, Ăberparteilichkeit und ausgeprĂ€gte Demokratiefestigkeit voraus â nichts davon sehen wir bei der AfDâ
Kritiker sehen darin ein bekanntes Muster: Formal hat die AfD das Vorschlagsrecht, tatsĂ€chlich wird es mit Mehrheit ausgehebelt. Das Ganze erinnert an den Bundestag, wo die AfD seit ihrem Einzug 2017 noch nie einen VizeprĂ€sidenten stellen konnte, obwohl sie dort mehrfach Kandidaten aufgestellt hat. Viele WĂ€hler dĂŒrften sich fragen, welchen Wert ein parlamentarisches Recht hat, wenn es nie wirksam wird.
Linke an der Spitze, CDU auf dem Vizeposten
Bei den anderen Personalien gab es keine Ăberraschung. FĂŒr die CDU kandidierte Cornelia Seibeld, die bisher PrĂ€sidentin des Abgeordnetenhauses war. Sie wurde mit 109 von 149 Stimmen klar zur VizeprĂ€sidentin gewĂ€hlt.
Zuvor hatte das Parlament die Linken-Politikerin Hendrikje Klein zur PrĂ€sidentin gewĂ€hlt. Das ist eine ZĂ€sur. Bisher kamen alle ParlamentsprĂ€sidenten in Berlin aus CDU oder SPD. Die Linke war mit 25,7 Prozent und 45 Sitzen klar stĂ€rkste Kraft geworden. Die CDU fiel auf 18,8 Prozent und 33 Sitze zurĂŒck.
In ihrer Antrittsrede sagte Klein, ihr Amt verlange âĂberparteilichkeit, aber keine Haltungslosigkeitâ. HerabwĂŒrdigende ĂuĂerungen gegenĂŒber Frauen wolle sie ahnden.
Zweierlei MaĂstĂ€be?
An diesem Punkt setzt die Kritik vieler Beobachter an. Wer von der AfD âDemokratiefestigkeitâ und âĂberparteilichkeitâ verlangt, muss sich daran messen lassen, wie er selbst mit diesen MaĂstĂ€ben umgeht. FĂŒr viele BĂŒrger wirkt es widersprĂŒchlich, dass die CDU eine PrĂ€sidentin der Linken mittrĂ€gt und gleichzeitig dem Kandidaten der drittstĂ€rksten Fraktion den Vizeposten verweigert. Die Linke ist die Nachfolgepartei der SED.
Die WĂ€hler werden sich erinnern
Bei einer Wahlbeteiligung von 74,2 Prozent haben fast 300.000 Berliner die AfD gewÀhlt. Ihre Stimmen bleiben im PrÀsidium des Abgeordnetenhauses vorerst ohne Vertretung. Ob die Brandmauer-Strategie langfristig aufgeht oder der AfD eher weiteren Zulauf bringt, entscheidet sich bei der nÀchsten Wahl.
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