
Brexit-Kater auf der Insel: Sogar Farage-Wähler suchen Nähe zu Brüssel

Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum dreht sich in Großbritannien die Stimmung. Sieben von zehn Briten wünschen sich eine engere Bindung an die Europäische Union. Das zeigt eine neue Umfrage des Instituts Public First im Auftrag des Magazins POLITICO. Bemerkenswert ist vor allem ein Befund: Auch eine knappe Mehrheit der Anhänger von Nigel Farage sieht das so.
Die Zahlen kommen für die Labour-Regierung zu einem heiklen Zeitpunkt. Premierminister Andy Burnham, der Keir Starmer im Juli abgelöst hat, steht beim Parteitag in Liverpool unter Druck. Prominente Parteifreunde drängen ihn, den EU-Austritt rückgängig zu machen.
Näher ran, aber zu welchem Preis?
Ein genauerer Blick zeigt allerdings, dass die Briten keineswegs geschlossen zurück in die Arme Brüssels wollen. 31 Prozent wünschen sich ein engeres Verhältnis, allerdings nur, solange London keine EU-Regeln übernehmen muss. 39 Prozent hätten gern eine „viel engere“ Kooperation und würden dafür auch wieder Teile des Brüsseler Regelwerks akzeptieren.
Beim Parteibuch trennen sich die Lager deutlich. Links der Mitte ist die EU-Begeisterung am größten. Ganz vorn liegen die Grünen-Wähler: 64 Prozent von ihnen würden für engere Bande sogar mehr EU-Vorschriften schlucken. Ältere Briten bleiben dagegen skeptisch. Sie erinnern sich offenbar noch gut an die Gründe, aus denen sie 2016 den Austritt gewählt hatten.
Unruhe im Farage-Lager
Brisant sind die Zahlen für Reform UK. Unter den Anhängern der Partei wollen 51 Prozent mehr Nähe zur EU. Nur 25 Prozent wünschen sich mehr Abstand. Für Farage, der seine gesamte Karriere auf der Kritik an Brüssel aufgebaut hat, ist das ein unbequemes Signal.
Laut dem Umfrageleiter von Public First, Seb Wride, schauten viele Briten inzwischen nach Europa, weil die USA als unzuverlässig oder sogar feindselig wahrgenommen würden. Er warnt aber, eine Annäherung an Europa sei nicht dasselbe wie eine Rücknahme des Brexit. Burnham müsse einen schwierigen Balanceakt meistern, ohne alte Wunden wieder aufzureißen.
Blair, Khan und die Rückkehr-Fantasien
Die Befürworter eines Wiedereintritts werden trotzdem lauter. Nach Medienberichten hat Ex-Premier Tony Blair in einem Bericht gefordert, die Rückkehr in eine reformierte EU für das kommende Jahrzehnt auf die Agenda zu setzen. Londons Bürgermeister Sadiq Khan nannte den Brexit eine „Katastrophe“ und den größten wirtschaftlichen Akt der Selbstbeschädigung, den ein Land je begangen habe.
„Früher oder später werden wir das Gespräch über einen Wiedereintritt in die Europäische Union führen. Warum warten?“
Burnham selbst erklärte in seiner Parteitagsrede, der Brexit habe „mehr geschadet als genützt“. Einen Wiedereintritt kündigte er zwar nicht an. Rund um den britisch-europäischen Gipfel im November wolle er aber verschiedene Optionen für das künftige Verhältnis vorstellen und einen Konsens suchen. Zur Debatte stehen den Berichten zufolge eine Rückkehr in die Zollunion, in den Binnenmarkt oder sogar die Vollmitgliedschaft.
Eine Lehre auch für Berlin
Das Referendum von 2016 hat das Land gespalten und zwei Premierministern das Amt gekostet. Danach folgten jahrelange, zermürbende Scheidungsverhandlungen. Wer London nun erneut unter das Brüsseler Regelwerk schieben will, sollte eines nicht vergessen: Die Briten sind damals auch wegen Bürokratie, Zentralismus und fehlender Mitsprache gegangen. Keines dieser Probleme hat Brüssel seither gelöst.
Die Umfrage zeigt deshalb vor allem eines: Die Briten wollen Partnerschaft, aber keine Unterwerfung. Aus Sicht unserer Redaktion sollte sich die EU ein Beispiel daran nehmen. Wer abtrünnige Mitglieder zurückgewinnen will, muss zuerst attraktiver werden. Mehr Vorschriften allein werden dafür nicht reichen.
Für die Erhebung hat Public First vom 13. bis 15. September 2026 insgesamt 2.028 Erwachsene in Großbritannien online befragt.

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