
Broschüre statt Abschiebung: London erklärt Asylbewerbern, was Vergewaltigung ist

Das britische Innenministerium hat am Mittwoch eine Aufklärungskampagne für Asylbewerber gestartet. Auf Plakaten und in einem Begleitheft erklärt der Staat Erwachsenen in einfachster Sprache, dass Vergewaltigung strafbar ist, dass Sex mit Kindern verboten ist und dass Männer und Frauen in Großbritannien gleichberechtigt sind. Die Reaktionen reichen von Fassungslosigkeit bis Wut.
„Das nennt sich Vergewaltigung“
Der Text kommt ohne Umschweife aus. Wer mit jemandem Sex habe, der das nicht wolle, begehe eine Vergewaltigung – ein schweres Verbrechen. Ausdrücklich stellt das Papier klar: Auch in einer Ehe oder Beziehung sei fehlende Zustimmung eine Straftat.
Die Konsequenzen listet das Home Office gleich mit: Gefängnis, Verlust der staatlichen Unterstützung und Unterkunft – und, so die Formulierung, Auswirkungen auf den Asylantrag. Genau dieser Halbsatz treibt Kritikern die Zornesröte ins Gesicht. Eine Vergewaltigung als Faktor im Verwaltungsverfahren?
Von der Altersgrenze bis zum Pfeifen auf der Straße
Die Broschüre trägt Medienberichten zufolge den Titel „Understanding behaviours and expectations in the UK“ und gliedert sich in Kapitel zu Gleichberechtigung, häuslicher Gewalt, Sex und Einwilligung sowie Verhalten in der Öffentlichkeit.
Zum Schutzalter heißt es, sexuelle Handlungen mit unter 16-Jährigen seien immer verboten – auch dann, wenn die Person älter aussehe oder es in einem anderen Land erlaubt sei. Weibliche Genitalverstümmelung wird eigens als Straftat benannt. Weitere Passagen untersagen laut Berichten Hinterherpfeifen, Kussgeräusche oder sexuelle Kommentare, „auch wenn Sie es als Kompliment meinen“.
Zur Gleichberechtigung steht dort schlicht: Frauen dürften arbeiten, studieren, reisen und eigene Entscheidungen treffen – ohne Erlaubnis von Ehemann, Vater oder Bruder. Wer jemanden wegen des Geschlechts ungerecht behandle, riskiere Anzeige und Verlust der Asylunterstützung.
Farage, Philp, Yusuf: Die Opposition tobt
Innenministerin Shabana Mahmood (Labour) äußerte sich zunächst nicht. Ein Sprecher des Ministeriums erklärte laut Medienberichten, man erwarte von jedem, der ins Land komme, die Gesetze zu befolgen; andernfalls drohten Konsequenzen bis zur Ablehnung des Asylantrags und zur Abschiebung.
Zia Yusuf, innenpolitischer Sprecher von Reform UK, nannte die Aktion auf X eine „Schande“ und warf der politischen Klasse vor, Übergriffe auf Frauen und Mädchen wissentlich zu ermöglichen. Reform-Chef Nigel Farage fragte, warum Steuergeld für solche Plakate ausgegeben werde. Der konservative Schatten-Innenminister Chris Philp erklärte, statt junge Männer zu zivilisiertem Verhalten zu „trainieren“, solle das Ministerium sie abschieben.
„Wenn Sie jemanden aufgrund seines Geschlechts ungerecht behandeln, kann es sein, dass Sie bei der Polizei angezeigt werden und Ihre Asylunterstützung verlieren.“ – aus der Kampagne des Home Office
Deutschland kennt das Muster längst
Für deutsche Leser hat die Szene einen bitteren Wiedererkennungswert. Nach den Übergriffen der Silvesternacht 2015/16 kursierten hierzulande ähnliche Piktogramm-Ratgeber für Zugewanderte. Zehn Jahre später weist die Polizeiliche Kriminalstatistik Rekordwerte aus – besonders bei Messerangriffen.
Britischen Regierungsdaten zufolge stellten 2025 rund 100.625 Menschen im Vereinigten Königreich einen Asylantrag, etwa 41 Prozent kamen mit kleinen Booten. Aus Sicht unserer Redaktion offenbart die Kampagne vor allem eines: Wo Grenzkontrolle und konsequente Rückführung fehlen, ersetzt der Staat Durchsetzung durch Pädagogik. Ein Faltblatt hat noch nie eine Grenze gesichert.
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