
CDU im freien Fall: Rettet der Ruck „zur Mitte“ die Union?

Die CDU steckt nach den Wahlschlappen im Osten in einer tiefen Sinnkrise. Im Konrad-Adenauer-Haus wird Ende September 2026 darüber gestritten, ob die Partei wieder „in die Mitte“ rücken sollte. Genau das könnte für die Union zum nächsten teuren Irrtum werden.
Ein historisches Debakel im Osten
Die Zahlen sind verheerend. In Mecklenburg-Vorpommern hat die CDU Medienberichten zufolge zum ersten Mal in ihrer Geschichte den Einzug in einen Landtag verpasst, weil sie an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte. Die AfD kam dort auf 38,2 Prozent. In Sachsen-Anhalt wurde sie mit 43,8 Prozent stärkste Kraft.
Wie reagiert die Parteiführung darauf? Mit Selbstzweifeln. Nach Einschätzung einer Hauptstadtjournalistin des „Spiegel“ im Sender Phoenix frage man sich in der Union, ob man als zu kalt, zu konservativ und zu wirtschaftsliberal wahrgenommen werde. Viele Strategen überlegten deshalb, wieder ein Stück in die Mitte zu rücken. In der Sprache der CDU-Spitze bedeutet „Mitte“ allerdings erfahrungsgemäß: ein bisschen weiter nach links.
Wüst zieht es nach Ankara
Welche Richtung damit gemeint sein könnte, zeigt NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst. Mit einer mehr als 60-köpfigen Delegation reiste er in die Türkei. In Ankara empfing ihn Präsident Recep Tayyip Erdogan überraschend persönlich, außerdem legte Wüst einen Kranz am Atatürk-Mausoleum nieder. Normalerweise trifft Erdogan nur Staatschefs. Für einen Landespolitiker ist so ein Termin also ungewöhnlich.
Der Bochumer Politikwissenschaftler Oliver Lembcke erklärte der „Bild“, was dahinterstecken dürfte:
„Wenn er Kanzler werden will, muss er mehr sein als der ‚bessere Merz‘. Er muss einen Gegenentwurf anbieten und Wähler auch links der Mitte ansprechen.“
In NRW leben etwa eine Million Menschen mit türkischen Wurzeln, ein Drittel aller Türkeistämmigen in Deutschland. Seit der Staatsbürgerschaftsreform der Ampel sind die Einbürgerungen stark gestiegen. Allein 2025 wurden in NRW knapp 17.000 Türken eingebürgert. Lembcke zufolge empfinden viele gut integrierte Deutsch-Türken die SPD inzwischen als „zu links und zu ‚woke‘“. Diese Lücke will die CDU offenbar füllen.
Das Ruhrgebiet wendet sich ab
Während Wüst in Ankara empfangen wird, verliert seine Partei zu Hause an Boden. Laut einer Forsa-Umfrage für den „Kölner Stadt-Anzeiger“ käme die AfD bei einer NRW-Landtagswahl auf 22 Prozent. Die CDU fällt von 32 auf 29 Prozent. Vor gut 14 Monaten lag sie noch 22 Punkte vorn, jetzt sind es nur noch sieben. Bei der Frage nach der Bundestagswahl liegt die AfD in NRW mit 24 Prozent sogar erstmals vor der CDU mit 22 Prozent.
Besonders deutlich wird das im Ruhrgebiet. Bei der Kommunalwahl im September erreichte die AfD in Gelsenkirchen fast 30 Prozent. In Herne, Hagen, Oberhausen und Duisburg lag sie über 21 Prozent. Hier wohnt die klassische Arbeiterschaft, die früher SPD und CDU gewählt hat.
Kein Personal für einen Neuanfang
Dazu kommt ein Personalproblem. Laut Forsa sehen 87 Prozent der Befragten die Arbeit von Kanzler Friedrich Merz kritisch. Forsa-Gründer Manfred Güllner macht Merz maßgeblich für den Absturz verantwortlich. Jens Spahn wirkt nach einer Reihe negativer Schlagzeilen geschwächt und zieht sich Berichten zufolge aus dem Haushaltsausschuss zurück. Philipp Amthor erntete für eine Strandkorb-Szene auf dem Balkon des Kanzleramts in einer ZDF-Doku viel Spott. Er gilt zudem als entschiedener Verteidiger der Brandmauer.
Hessens Ministerpräsident Boris Rhein verteidigt immerhin die Stadtbild-Debatte. Er will Probleme bei Migration und Kriminalität nicht „hinter einer Brandmauer verstecken“. Gleichzeitig behauptet er aber, die Migrationskrise sei „mit großen Schritten angegangen worden“. Nach mehr als zehn Jahren Fehlentwicklung dürften das viele frustrierte Bürger eher als Beschwichtigung verstehen.
Unser Fazit
Die These vom rettenden Schritt „zurück zur Mitte“ beruht aus Sicht unserer Redaktion auf einem Missverständnis. Die Stimmung in Innenstädten und Talkshow-Studios ist nicht dasselbe wie der Wille der Wähler. Die Ergebnisse aus dem Ruhrgebiet und aus dem Osten zeigen das deutlich. Wer weiter nach links rückt, treibt der Konkurrenz noch mehr Wähler zu. Die Bürger erwarten eine Politik, die ihre Alltagssorgen ernst nimmt. Symbolträchtige Auslandsreisen ersetzen das nicht.

- Kettner Edelmetalle News
- Finanzen
- Wirtschaft
- Politik











