
Der große E-Auto-Betrug: Großbritannien kassiert ab 2028 pro Kilometer ab – und Deutschland schaut aufmerksam zu

Erst locken, dann rupfen. Was sich in London gerade abspielt, dürfte für jeden, der die staatliche Elektro-Euphorie der vergangenen Jahre mit gesundem Misstrauen verfolgt hat, wenig überraschend sein. Die britische Regierung hat bestätigt: Ab dem 1. April 2028 zahlen Halter reiner Elektroautos eine Kilometerabgabe von umgerechnet rund 2,2 Eurocent – für jeden einzelnen gefahrenen Kilometer. Plug-in-Hybride kommen mit der Hälfte davon, also etwa 1,1 Eurocent, ein wenig glimpflicher davon. Wasserstoffautos? Voller Satz. Willkommen in der schönen neuen Mobilitätswelt.
Aus dem Steuerparadies wird das Steuerparadoxon
Rechnen wir es einmal durch, wie es jeder Familienvater am Küchentisch tun würde: Bei einer durchschnittlichen Jahresfahrleistung von rund 12.875 Kilometern schlagen etwa 283 Euro zusätzlich zu Buche. Pro Jahr. Und zwar obendrauf auf die reguläre Fahrzeugsteuer, die Vehicle Excise Duty, die Elektroautos in Großbritannien ohnehin schon seit April 2025 entrichten müssen. Die Insel kombiniert damit erstmals eine klassische Besitzsteuer mit einer nutzungsabhängigen Abgabe. Zwei Griffe in dieselbe Tasche, sauber getrennt nach Anlass.
Ab dem Steuerjahr 2029/30 werden die Sätze zudem an die Verbraucherpreisinflation gekoppelt. Wer also glaubt, es bleibe bei 2,2 Cent, glaubt vermutlich auch, dass Steuern jemals wieder abgeschafft werden. Immerhin: Elektrische Transporter, Busse und schwere Lkw bleiben vorerst verschont. Vorerst.
Wie das Ganze funktionieren soll – und warum das nur halb beruhigt
Die Abrechnung erfolgt über den gemeldeten Kilometerstand. Bei der jährlichen Steuerverlängerung meldet der Halter seinen aktuellen Stand, schätzt die Fahrleistung für das kommende Jahr, und die Zulassungsbehörde berechnet daraus einen vorläufigen Betrag. Gezahlt werden kann jährlich, halbjährlich oder monatlich. Nach Ablauf des Steuerjahres gleicht die Behörde Schätzung und Realität ab. Bei älteren Fahrzeugen liefert die Hauptuntersuchung MOT den Kilometerstand, Besitzer neuer Autos melden bis zum ersten Prüftermin selbst. Bei Betrugsverdacht darf eine amtliche Kontrolle angeordnet werden.
Eine flächendeckende GPS-Überwachung sei nicht geplant, heißt es aus London. Deshalb zählten auch alle im Ausland gefahrenen Kilometer mit – man wolle schließlich keine Bewegungsprofile erstellen.
Man muss der britischen Regierung an dieser Stelle zugestehen: Der Verzicht auf permanente Satellitenortung ist ein bemerkenswerter Akt der Zurückhaltung in einer Zeit, in der Regierungen sonst jeden Datenpunkt einsammeln, dessen sie habhaft werden können. Doch der Preis dafür ist eine bizarre Schieflage. Wer mit dem Elektroauto durch Frankreich, Spanien oder Italien fährt, zahlt die Kilometer trotzdem an Seine Majestät. Für britische Straßen, die man nie berührt hat.
Der wahre Grund: Das Loch in der Kasse
Die Begründung ist entwaffnend ehrlich – und genau deshalb entlarvend. Die Einnahmen aus der Kraftstoffsteuer brechen weg, weil immer mehr Bürger auf Elektroautos umsteigen. Genau jene Bürger übrigens, die man mit Prämien, Steuerbefreiungen und moralischem Druck in diese Fahrzeuge getrieben hat. Nun fehlt das Geld, und die Lösung lautet nicht etwa Sparsamkeit, sondern eine neue Abgabe. Rund 1,30 Milliarden Euro soll die Kilometersteuer im ersten Jahr einbringen, bis 2030/31 sollen es etwa 2,24 Milliarden Euro sein. Immerhin 80 Prozent der Einnahmen der ersten drei Jahre sollen angeblich in Elektromobilität und Autoindustrie zurückfließen. Man wird sehen. Zweckbindungen von Steuermitteln haben in der Geschichte europäischer Finanzministerien eine Halbwertszeit von etwa zwei Legislaturperioden.
Die Landbevölkerung zahlt die Zeche
Besonders bitter trifft es jene, die ohnehin schon am wenigsten Alternativen haben. Wer auf dem Land lebt, fährt längere Strecken, hat keinen Nahverkehr im Zehn-Minuten-Takt vor der Haustür und ist auf das Auto schlicht angewiesen. Die neue Abgabe kennt weder Einkommen noch Infrastruktur. Sie kennt nur Kilometer. Es ist die immergleiche Handschrift urbaner Politikeliten, die Mobilität für ein Hobby halten statt für eine Existenzgrundlage.
Was heißt das für Deutschland?
Wer glaubt, dieses Modell bleibe auf der Insel, sollte einen Blick in die Haushaltslage der Bundesrepublik werfen. Ein 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen für Infrastruktur, Klimaneutralität bis 2045 im Grundgesetz verankert, dazu ein Kanzler, der einst versprach, keine neuen Schulden zu machen. Die Zinslast wird Generationen begleiten. Und wenn die Mineralölsteuer erst einmal versiegt, wird auch in Berlin jemand die Idee einer kilometerabhängigen Abgabe aus der Schublade ziehen. Großbritannien liefert die Blaupause frei Haus.
Die Lehre daraus ist so simpel wie unbequem: Was der Staat heute fördert, besteuert er morgen. Wer sein Vermögen langfristig sichern will, sollte sich nicht auf politische Versprechen verlassen, deren Halbwertszeit kürzer ist als die Nutzungsdauer eines Autos. Physische Edelmetalle wie Gold und Silber – außerhalb des digitalen Zugriffs, ohne Kilometerzähler, ohne Meldepflicht an eine Zulassungsbehörde – haben über Jahrhunderte hinweg bewiesen, dass sie staatliche Kreativität in Steuerfragen überdauern. Als Beimischung in einem breit gestreuten Portfolio bleiben sie eine der wenigen Konstanten in einer Politik, die ihre eigenen Zusagen im Jahresrhythmus kassiert.
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