
Die vergessene Geldmaschine der SED: Ein Enkel lüftet das Geheimnis der Zentrag
Es gibt Geschichten, die in den Geschichtsbüchern der Bundesrepublik kaum Erwähnung finden – und doch erzählen sie mehr über die Mechanismen totalitärer Herrschaft als manch akademische Abhandlung. Die Geschichte der Zentrag, jener monströsen Medienholding der SED, gehört zweifellos dazu. Nun hat ein Enkel des einstigen Generaldirektors Paul Hockarth begonnen, Licht in dieses dunkle Kapitel deutscher Vergangenheit zu bringen.
Ein Medienimperium im Dienste der Partei
Die DDR rühmte sich gerne ihrer vermeintlichen Errungenschaften. Doch eine davon verschwieg man lieber: die nahezu vollständige Kontrolle über sämtliche Medien des Landes. Die Zentrag – ausgeschrieben "Zentrale Druckerei-, Einkaufs- und Revisionsgesellschaft mbH" – war nichts Geringeres als einer der größten Medienkonzerne Europas. Mehr als 90 Druckereien, Zeitungsverlage und Vertriebsorgane gehörten zu diesem Imperium. Das entsprach sage und schreibe 90 Prozent der gesamten Druckkapazitäten der DDR.
Wer das Papier kontrolliert, kontrolliert die Gedanken – so könnte man das Prinzip zusammenfassen. Ob Romane oder Zeitungen, ob Flugblätter oder Schulbücher: Ohne die Gnade der Zentrag wurde in der DDR nichts gedruckt. 40.000 Menschen arbeiteten 1989 für diesen Moloch, oft ohne zu ahnen, dass sie Rädchen in der Gelddruckmaschine der Partei waren.
Der Mann hinter dem Vorhang
Paul Hockarth, geboren 1902 in Bad Langensalza, gestorben 1974 in Berlin, war einer jener Männer, die im Schatten der Macht operierten. Als Generaldirektor der Zentrag von 1961 bis 1967 und gleichzeitig stellvertretender Abteilungsleiter für Finanzverwaltung und Parteibetriebe beim ZK der SED verwaltete er das gesamte Vermögen der Staatspartei. Eine Doppelfunktion, die ihn intern zum "Axel Cäsar" der DDR machte – wer Geld brauchte, ging zu Paul. Wer Papier brauchte, ebenfalls.
Sein Enkel Michael Achilles hat nun auf 1400 Manuskriptseiten die Lebensgeschichte dieses mächtigen Funktionärs zusammengetragen. Familienerzählungen, Fotos, Dokumente aus dem Bundesarchiv – ein Schatz für jeden Historiker, der verstehen will, wie die SED ihre Macht finanzierte und festigte.
Vom Kupferschmiedsohn zum Parteisoldaten
Die Biographie Hockarths liest sich wie ein Lehrstück kommunistischer Karrieren. Der Sohn eines armen Kupferschmieds lernte Schriftsetzer, trat 1920 in die KPD ein, stieg in der Thüringer Parteihierarchie auf. Nach 1933 durchlitt er die Hölle der NS-Verfolgung: KZ Erfurt, KZ Bad Sulza, Gestapo-Einzelhaft in Weimar. Später das Strafbataillon 999, ein zerschossener rechter Arm an der Ostfront.
Doch ein Invalidendasein kam für diesen Mann nicht infrage. Kaum war der Krieg vorbei, gab er bereits wieder eine KPD-Zeitung heraus. Die Partei war sein Leben, sein Ein und Alles. Und die Partei belohnte Treue – mit Macht, nicht mit Reichtum.
Die Steuerfreiheit als Geschenk der Volkskammer
Besonders pikant erscheint aus heutiger Sicht die finanzielle Konstruktion der Zentrag. Die Holding brachte weit mehr ein als die ohnehin beträchtlichen Mitgliedsbeiträge der über zwei Millionen SED-Genossen, die zehn Prozent ihres Einkommens abzuführen hatten. Und damit die Gewinne auch wirklich sprudelten, gewährte die Volkskammer dem Parteikonzern großzügig Steuerfreiheit. Der RIAS schätzte 1964 den Reingewinn auf etwa 100 Millionen DDR-Mark jährlich.
Aus diesem Geldbrunnen finanzierte die SED ihre internationale Arbeit – ob in Kuba, Vietnam oder in der Bundesrepublik. Alles im Dienste des weltweiten Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus, wie man es nannte. Oder schlicht: Subversion mit Parteigeld.
Das Ende eines Imperiums
Nach der Wende 1990 wurde die Zentrag liquidiert. Die Einzelteile landeten meist unter Treuhandaufsicht und wurden verkauft – vorwiegend an westdeutsche Verlage, die schnell erkannten, welche Goldgruben hier zu heben waren. Der Berliner Verlag ging an Gruner & Jahr, andere Zeitungen an Springer-Konkurrenten.
Die Forderung des Verlagslektors Jörg Hildebrandt vom Januar 1990, das SED-Vermögen "dem Volk zurückzuerstatten", verhallte weitgehend ungehört. Stattdessen profitierten westdeutsche Medienkonzerne von den Strukturen, die einst der Unterdrückung der Meinungsfreiheit dienten.
"Verlage und Lager, Läden und Leseräume, Bibliotheken und Buchvertriebe – alles dies muss der Partei unterstehen." – Lenin, 1905
Lehren für die Gegenwart
Die Geschichte der Zentrag sollte uns mahnen. Sie zeigt, wie totalitäre Systeme Medien instrumentalisieren, wie sie durch Kontrolle über Ressourcen wie Druckpapier die öffentliche Meinung formen. Sie zeigt auch, wie Funktionäre in solchen Systemen funktionieren: treu bis zur Selbstaufgabe, bescheiden im persönlichen Lebensstil, aber gnadenlos im Dienst der Sache.
Paul Hockarth fuhr nach seiner Pensionierung einen Trabant, obwohl er jahrzehntelang einen Tatra-Dienstwagen gehabt hatte. Er bereicherte sich nicht persönlich. Doch er diente einem System, das Millionen Menschen ihrer Freiheit beraubte – auch ihrer Pressefreiheit. Sein Enkel hat nun begonnen, diese Geschichte aufzuarbeiten. Es wäre an der Zeit, dass auch die Geschichtswissenschaft diesem Beispiel folgt.

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