
Duftmarketing statt Sachpolitik: Wie eine Fernhochschule zum Wahlkampfthema in Sachsen-Anhalt wurde
Sachsen-Anhalt steht vor einer Landtagswahl, die das politische Koordinatensystem der Bundesrepublik verschieben könnte. Eine Umfrage weist die AfD bei 41 Prozent aus – ein Wert, der in Berliner Parteizentralen Panik auslösen dürfte. Und worüber wird diskutiert? Über die Frage, an welcher Hochschule der Spitzenkandidat vor zehn Jahren seinen Bachelor gemacht hat.
Ein Fernstudium, ein Titel, ein Skandal – oder eher nicht
Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, hat nun offengelegt, was in seiner Vita bislang fehlte: Von 2013 bis 2016 habe er ein Fernstudium an der Europäischen Fernhochschule Hamburg absolviert und den Studiengang Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftspsychologie mit dem Bachelor of Arts abgeschlossen. Auch den Titel seiner Abschlussarbeit nannte er – eine Untersuchung zum Duftmarketing und dessen psychologischer Wirkung auf das Kaufverhalten.
Man muss kein Anhänger der AfD sein, um zu erkennen: Hier liegt kein Skandal vor. Es besteht in Deutschland keinerlei rechtliche Verpflichtung, in einer Biografie den Namen einer Hochschule oder den Titel einer Bachelorarbeit anzugeben. Siegmund selbst formulierte es trocken: Er habe keine unvollständigen Angaben gemacht, und nach den Nachfragen habe er transparent geantwortet. Damit sei die Sache erledigt – man dürfe sich wieder den echten Problemen dieses Landes zuwenden.
„Damit sollte die Sache erledigt sein und man darf sich wieder auf die echten Probleme in diesem Land konzentrieren.“
Die Mechanik der Empörungsmaschine
Der Ablauf folgte einem Drehbuch, das man inzwischen auswendig kennt. Eine Lücke in einem Lebenslauf, eine unbeantwortete Frage auf einer Abgeordneten-Plattform – und schon rotiert die soziale Gerüchteküche. Der Vorwurf lautete am Ende gar, Siegmund habe sein Zeugnis gefälscht, weil die Hochschule heute für den Studiengang einen „Bachelor of Science“ ausweise. Nur: Die Hochschule hat die Bezeichnung zwischenzeitlich geändert. Der Vorwurf platzt also wie eine Seifenblase. Geblieben ist trotzdem der Verdacht – und genau das ist der Zweck der Übung.
Wer wird eigentlich gemessen – und mit welchem Maß?
Bemerkenswert ist, wie ungleich die Prüfmaßstäbe verteilt sind. Erst nachdem die Debatte um Siegmund lief, geriet plötzlich auch der Abschluss eines Mitbewerbers ins Blickfeld. Man fragt sich unweigerlich: Hätte ein Kandidat der etablierten Parteien für eine fehlende Hochschulangabe wochenlange Recherchen ausgelöst? Erinnert sei daran, dass Deutschland eine ganze Reihe von Ministern erlebt hat, deren Doktorarbeiten sich als Kompilationen fremder Gedanken entpuppten – und dass die Aufregung dort erst spät und zäh in Gang kam.
Was wirklich auf dem Spiel steht
Während in Redaktionen Bachelor-Urkunden auf ihre lateinischen Bezeichnungen abgeklopft werden, sieht die Lage im Land anders aus. Die Wirtschaft schwächelt, Industriearbeitsplätze wandern ab, die Energiepreise bleiben international nicht wettbewerbsfähig, die Kriminalitätsstatistik hat Rekordniveau erreicht, und die Bürger spüren die Folgen einer Schuldenpolitik, die in Berlin unter dem Etikett „Sondervermögen“ verkauft wird. Über 500 Milliarden Euro neue Verbindlichkeiten wurden beschlossen – von einer Regierung, deren Kanzler im Wahlkampf noch etwas anderes versprochen hatte.
Dass sich in dieser Lage viele Wähler in Sachsen-Anhalt von den etablierten Parteien abwenden, ist keine Laune. Es ist eine Quittung. Und wer glaubt, diesen Vertrauensverlust mit der Aufarbeitung von Duftmarketing-Bachelorarbeiten aufhalten zu können, hat den Kern des Problems nicht verstanden – oder will ihn nicht verstehen.
Fazit einer Redaktion, die genau hinsieht
Transparenz von Politikern ist ein hohes Gut, und niemand sollte sie kleinreden. Doch Transparenz darf kein selektives Instrument sein, das nur gegen die politische Konkurrenz gezogen wird. Am Ende bleibt der Eindruck, dass hier ein Nebenschauplatz aufgebaut wurde, weil die inhaltliche Auseinandersetzung mit 41 Prozent unangenehm geworden ist. Die Wähler in Sachsen-Anhalt werden ihr Urteil an der Wahlurne fällen – und sie werden dabei kaum darüber nachdenken, ob auf einer Urkunde „of Arts“ oder „of Science“ steht.












