
Eiszeit zwischen Ottawa und Washington: Carney stellt sich offen gegen Trump
Die diplomatischen Beziehungen zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten befinden sich auf einem historischen Tiefpunkt. Premierminister Mark Carney hat am Dienstag vor dem kanadischen Unterhaus eine bemerkenswert scharfe Analyse der aktuellen Lage geliefert und dabei kein Blatt vor den Mund genommen: In den USA sei derzeit fast nichts mehr normal.
Carney weigert sich, vor Trump einzuknicken
Was war geschehen? Der kanadische Regierungschef hatte vergangene Woche beim Weltwirtschaftsforum in Davos eine Rede gehalten, die in Washington für erhebliche Verstimmung sorgte. Carney forderte die Nationen der Welt auf, das Ende der regelbasierten globalen Ordnung zu akzeptieren – jener Ordnung wohlgemerkt, die einst von den Vereinigten Staaten selbst geschaffen und verteidigt wurde.
Präsident Donald Trump reagierte prompt und mit der ihm eigenen Subtilität. Kanada existiere nur wegen der Vereinigten Staaten, polterte er, und drohte mit einem hundertprozentigen Strafzoll auf kanadische Importe, sollte Ottawa ein Handelsabkommen mit China abschließen.
„Um es absolut klar zu sagen, und das habe ich auch dem Präsidenten gesagt – ich meinte, was ich in Davos gesagt habe."
Diese Worte Carneys an die Presse sprechen Bände. Während US-Finanzminister Scott Bessent nach einem Telefonat zwischen Trump und Carney behauptete, der kanadische Premierminister habe seine Aussagen „sehr aggressiv zurückgenommen", stellt Carney selbst dies entschieden in Abrede.
Die Abkehr vom großen Nachbarn
Die Zahlen verdeutlichen Kanadas Dilemma: Rund 70 Prozent aller kanadischen Exporte gehen in die Vereinigten Staaten – ein Abhängigkeitsverhältnis, das unter den aktuellen Umständen zur existenziellen Bedrohung werden könnte. Carney treibt daher die Diversifizierung der Handelsbeziehungen voran, weg von Washington, hin zu neuen Partnerschaften.
Gegenüber Trump habe er klargemacht, dass Kanada auf die Zölle reagiere, indem es Partnerschaften im Ausland aufbaue und gleichzeitig die heimische Wirtschaft stärke. Man sei aber auch bereit, die Beziehungen durch das USMCA-Abkommen – den Nachfolger von NAFTA – positiv neu zu gestalten.
Überprüfung des Handelsabkommens steht bevor
In wenigen Wochen soll die formelle Überprüfung des USMCA-Abkommens beginnen, kündigte Carney an. Details nannte er nicht. Pikant dabei: Trump selbst hatte erst kürzlich erklärt, die USA bräuchten das USMCA nicht und bezeichnete es als irrelevant.
Was wir hier beobachten, ist nichts Geringeres als das Zerbrechen einer jahrzehntelangen Partnerschaft. Die USA unter Trump verfolgen eine Politik des „America First", die selbst engste Verbündete vor den Kopf stößt. Dass ein besonnener Politiker wie Carney öffentlich erklärt, in den Vereinigten Staaten sei fast nichts mehr normal, zeigt das Ausmaß der Entfremdung.
Für Europa sollte dies eine Warnung sein. Wer glaubt, mit Zugeständnissen und Leisetreterei die Gunst Washingtons erkaufen zu können, wird bitter enttäuscht werden. Kanada macht vor, wie man Haltung bewahrt – auch wenn der Preis dafür hoch sein mag.

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