
Energiekrise als Weckruf: IEA-Chef fordert Italiens Rückkehr zur Kernkraft – und entlarvt Europas fatale Abhängigkeit

Was passiert, wenn ideologische Energiepolitik auf die harte Realität geopolitischer Verwerfungen trifft? Die Antwort liefert derzeit die Straße von Hormus – und sie ist verheerend. Fatih Birol, Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur (IEA), hat in einem bemerkenswert deutlichen Statement die Dimension der aktuellen Energiekrise auf den Punkt gebracht und dabei insbesondere Italien ins Visier genommen. Seine Botschaft ist unmissverständlich: Wer sich von fossilen Importen abhängig macht und gleichzeitig die Kernenergie per Volksabstimmung verbannt, der spielt mit dem Feuer.
Die schwerste Energiekrise aller Zeiten
Birol wählt keine diplomatischen Worte mehr. Die gegenwärtige Krise übertreffe in ihrem Ausmaß die Ölpreisschocks der 1970er-Jahre und den durch den Ukraine-Krieg ausgelösten Energieschock – und zwar zusammengenommen. Mehr als 80 große Energieanlagen am Persischen Golf seien beschädigt, über ein Drittel davon schwer. Eine schnelle Erholung? Ausgeschlossen. Selbst wenn die Straße von Hormus tatsächlich wieder vollständig geöffnet würde, sei eine Rückkehr zur Normalität schlicht unmöglich.
Die Zahlen, die der IEA-Chef präsentiert, sind alarmierend. Europa verbrauche täglich 1,6 Millionen Barrel Kerosin, produziere aber nur 1,1 Millionen selbst. Die fehlenden 500.000 Barrel kamen bislang zu über 75 Prozent aus dem Nahen Osten – diese Lieferungen liegen nun bei null. Und die restlichen Lieferanten? China, Indien und Südafrika haben allesamt Exportbeschränkungen verhängt. Das Ergebnis: explodierende Kerosinpreise, erste Flugstreichungen und ein erbitterter Wettbewerb zwischen Asien und Europa um die verbliebenen Lieferungen aus Nigeria und den USA.
Italien als Paradebeispiel verfehlter Energiepolitik
Besonders hart ins Gericht geht Birol mit Italiens Energiemix. Das Land habe einen „zu hohen Anteil an Erdgas" in seiner Stromerzeugung, was die gesamte Volkswirtschaft verwundbar mache. Italien sei schließlich kein Gasproduzent, sondern ein Importeur – und damit den Launen internationaler Gasmärkte schutzlos ausgeliefert. Es sei „schade" gewesen, dass die Italiener in gleich zwei Referenden die Nutzung der Kernenergie abgelehnt hätten, so Birol. Nun sei es an der Zeit, diese Entscheidung nicht nur zu überdenken, sondern die Kernkraft tatsächlich zurückzubringen.
Man muss kein Prophet sein, um in diesen Worten eine Mahnung zu erkennen, die weit über Italien hinausreicht. Deutschland, das seine letzten Kernkraftwerke im April 2023 vom Netz nahm, steht vor einem ganz ähnlichen Dilemma – nur dass man hierzulande die ideologische Verblendung noch weiter getrieben hat als die Italiener. Während in Rom immerhin eine ernsthafte Debatte über die Rückkehr zur Atomkraft geführt wird, gilt das Thema in weiten Teilen der deutschen Politik nach wie vor als Tabu.
Rationierungen und wirtschaftliche Verwerfungen drohen
Die Konsequenzen der Krise beschränken sich längst nicht auf steigende Spritpreise. In Asien, das 80 bis 90 Prozent seines Öl- und Gasbedarfs aus dem Nahen Osten bezog, gibt es bereits Rationierungen im Verkehr und Kapazitätsreduzierungen in der Industrie. Birol warnt eindringlich: Sollte die Straße von Hormus nicht bald tatsächlich geöffnet werden, könnten Schwellen- und Entwicklungsländer in eine Schuldenspirale geraten, wie man sie seit den 1970er-Jahren nicht mehr erlebt habe. Die wirtschaftlichen Schäden würden unweigerlich politische Folgen nach sich ziehen.
Auch für Europa empfiehlt der IEA-Chef drastische Maßnahmen: kostenlosen öffentlichen Nahverkehr, verstärktes Homeoffice und eine Senkung der Tempolimits auf Autobahnen. Man müsse diese „bittere Pille" lieber früher als später schlucken. Steuerentlastungen sollten dabei nicht mit der Gießkanne verteilt, sondern gezielt auf die verwundbarsten Bevölkerungsschichten ausgerichtet werden.
Ein Lehrstück für ganz Europa
Was sich hier vor unseren Augen abspielt, ist nichts weniger als das Scheitern einer naiven Energiepolitik, die jahrzehntelang auf billige Importe setzte und gleichzeitig verlässliche Grundlastkraftwerke abschaltete. Birols Empfehlung für Italien – ein ausgewogener Mix aus Solar, Wind, Kernenergie und Gas – klingt wie blanker Menschenverstand. Dass es überhaupt eines IEA-Direktors bedarf, um diese Selbstverständlichkeit auszusprechen, sagt viel über den Zustand der europäischen Energiedebatte.
Die Frage, die sich deutsche Bürger stellen sollten, liegt auf der Hand: Wenn selbst die Internationale Energieagentur Italien zur Rückkehr zur Kernkraft drängt – wie lange kann sich Deutschland noch leisten, diese Technologie kategorisch auszuschließen? Die Antwort dürfte mit jeder neuen Krise unbequemer werden. Denn eines hat die Geschichte immer wieder gezeigt: Ideologie ist ein schlechter Ratgeber, wenn die Lichter auszugehen drohen.
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