
Erdwärme statt Kernkraft? Die heiße Wette auf den KI-Strom

Die Rechenzentren der Künstlichen Intelligenz verschlingen Strom in Größenordnungen, die ganze Regionen an ihre Grenzen bringen. Jetzt rückt eine lange belächelte Energiequelle in den Fokus der Wall Street: Geothermie. Ausgerechnet Google hat den Trend mit einem Milliardendeal in Utah beglaubigt.
Der Engpass heißt nicht mehr Chip, sondern Steckdose
Jahrelang galten Halbleiter als Flaschenhals des KI-Booms. Diese Zeiten sind vorbei. Heute entscheidet die Verfügbarkeit von grundlastfähigem Strom darüber, wer im Rennen um Rechenleistung vorne liegt.
Neue Rechenzentren brauchen oft mehrere hundert Megawatt – Netzanschlüsse, Kraftwerke und Leitungen haben dagegen Vorlaufzeiten von Jahren. Wer teure KI-Prozessoren rund um die Uhr auslasten will, kann sich nicht darauf verlassen, ob gerade die Sonne scheint oder der Wind weht.
Fracking-Technik für die Erdwärme
Geothermie ist keine Erfindung von gestern. Die USA erzeugen seit Jahrzehnten Strom aus Erdwärme – und kommen dennoch auf weniger als ein Prozent ihrer gesamten Stromproduktion. Der Grund: Die klassische Technik funktioniert nur dort, wo Hitze, Wasser und durchlässiges Gestein zufällig zusammenkommen.
Genau das soll sich mit sogenannten Enhanced Geothermal Systems (EGS) ändern. Statt auf ein natürliches Reservoir zu warten, bohren Entwickler kilometertief ins heiße Gestein und erzeugen mit horizontalen Bohrungen und hydraulischer Stimulation künstliche Fließwege – Methoden, die aus der amerikanischen Schieferöl-Revolution stammen.
Die Ironie dabei dürfte manchem Klimapolitiker sauer aufstoßen: Ausgerechnet die verteufelte Fracking-Technologie könnte der erneuerbaren Erdwärme zum Durchbruch verhelfen.
Googles Milliarden-Signal aus Utah
Wie Medienberichte melden, hat sich Google beim Geothermie-Unternehmen Fervo Energy ab 2028 zunächst 396 Megawatt aus dem Projekt Cape Station in Utah gesichert – geliefert in vier Stufen zu je 99 Megawatt, über 15 Jahre, verlängerbar um fünf weitere. Eine Option auf rund 600 zusätzliche Megawatt bis Juni 2030 könnte das Volumen auf fast ein Gigawatt treiben.
Fervo bezeichne den Vertrag als weltweit größten Abnahmedeal für ein EGS-Projekt. Die Aktie sprang den Berichten zufolge um rund 28 Prozent – nachdem sie zuvor etwa 58 Prozent unter ihren Ausgabepreis gefallen war.
Viel Fantasie, wenig Umsatz
Ein Blick in die Zahlen dämpft die Euphorie: Im zweiten Quartal habe Fervo lediglich rund 113.000 US-Dollar Umsatz erzielt – bei einem Nettoverlust von 55,9 Millionen und Investitionen von 226,5 Millionen Dollar. Der vereinbarte Strompreis wurde nicht veröffentlicht.
Auch technisch ist nichts entschieden. Tiefbohrungen sind teuer, die Geologie unberechenbar, und es bleiben Fragen zu Wasserverlusten, induzierter Seismizität und der Wirtschaftlichkeit im großen Maßstab.
Und wenn die KI-Blase platzt?
Genau hier liegt das eigentliche Risiko. Ein bekannter US-Finanzkommentator, dessen Analyse dieser Beitrag aufgreift, hält es für durchaus möglich, dass der KI-Boom noch in diesem oder im kommenden Jahr sein Ende finde. Die gesamte Geothermie-Story hänge daran, dass der Rechenzentrumsausbau weiterlaufe.
Für Anleger bleibt eine altbekannte Lehre: Themen-Wetten auf Zukunftstechnologien können spektakulär laufen – und ebenso spektakulär scheitern. Wer sein Vermögen breit aufstellt, ergänzt spekulative Positionen deshalb traditionell um physische Edelmetalle, die keinen Bohrerfolg und keine Genehmigungsbehörde benötigen.
Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Wir geben keine Kauf- oder Verkaufsempfehlungen. Jeder Leser ist verpflichtet, eigene Recherchen anzustellen, und trägt die Verantwortung für seine Anlageentscheidungen selbst.

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