
Faucis Tagebuch: Wurde der Impfstoff zum Spielball der Politik?

Neu veröffentlichte Aufzeichnungen des früheren US-Regierungsberaters Anthony Fauci werfen ein grelles Licht auf den Impfstoff-Wettlauf im US-Wahljahr 2020. Sie zeigen laut Medienberichten: Die Frage, wann ein Corona-Impfstoff zugelassen wird, war offenbar untrennbar mit dem Wahltermin am 3. November 2020 verknüpft. Und ausgerechnet ein Protokoll des Robert Koch-Instituts passt verblüffend gut ins Bild.
„Operation Warp Speed“ – und die Angst vor der „October Surprise“
Am 15. Mai 2020 startete Donald Trump das Programm „Operation Warp Speed“. Milliarden flossen in Entwicklung und Produktion, lange bevor überhaupt eine Zulassung in Sicht war. Tempo war das Programm.
Fauci notierte dem Bericht zufolge bereits am 26. Juli 2020, Trumps damaliger Stabschef Mark Meadows wolle sich politisch profilieren – Fauci sprach von einer möglichen „October Surprise“, einem Paukenschlag kurz vor der Wahl. Einen Tag später traf er Trump im Oval Office: Der Präsident habe akzeptiert, dass es vor der Wahl wohl nichts mehr werde, sei darüber aber „not happy“ gewesen.
„Wir würden ihm den Rücken stärken“
Am 31. Juli 2020 hielt Fauci laut den Unterlagen fest, FDA-Chef Stephen Hahn werde vermutlich zu einer Notfallfreigabe gedrängt – obwohl der zuständige Impfstoff-Spitzenbeamte Peter Marks erhebliche Bedenken habe. Faucis Bewertung fiel drastisch aus:
„Ganz klar. Das ist politisch motiviert und wird ein Trick sein, um Trump wiederwählen zu lassen.“
Eine Woche später, am 7. August 2020, notierte er, er habe gemeinsam mit NIH-Direktor Francis Collins und seinem Mitarbeiter Clifford Lane bei Marks angerufen und ihm zugesichert, man stehe hinter ihm, „wenn er die Linie hält“. Marks habe die AstraZeneca-Unterlagen als „a hot mess“ bezeichnet – ein Durcheinander, das eine Notfallgenehmigung nicht rechtfertige.
Wichtig fĂĽr die Einordnung: Die Dokumente belegen nicht, dass ein Impfstoff zurĂĽckgehalten wurde, um Trump zu schaden. Sie zeigen aber, dass wissenschaftliche Bedenken und Wahlkampfarithmetik in denselben Notizen auftauchen.
Der Satz aus den RKI-Files, der bis heute nachhallt
Und dann ist da jenes Protokoll des RKI-Krisenstabs, datiert auf den 28. September 2020. Zunächst heißt es dort, Daten aus Phase-3-Studien lägen noch nicht vor. Dann folgt der Satz, der seit der Veröffentlichung der RKI-Files für Debatten sorgt: „Zulassung bei FDA vor US Wahlen ist nicht gewünscht, auch nicht bei europäischer Behörde.“
Wer das nicht wünschte und warum – das Protokoll schweigt. Wochenlang stand der Satz isoliert im Raum. Faucis Notizen liefern nun zumindest den politischen Resonanzboden dazu.
Nach der Wahl: plötzlich Vollgas aus Brüssel
Kaum war die Wahl entschieden, drehte sich der Wind. Eine interne Mail des damaligen stellvertretenden EMA-Direktors Noël Wathion vom 19. November 2020 beschreibt eine Telefonkonferenz mit der EU-Kommission als „rather tense“ – angespannt, zeitweise unangenehm. Ein Rückstand von mehreren Wochen gegenüber FDA und britischer MHRA sei der Kommission kaum vermittelbar gewesen, der „political fall-out“ zu groß.
Wathion beschrieb den Konflikt zwischen politischem Beschleunigungsdruck und der Pflicht seiner Behörde, sich für Sicherheit und Herstellung die nötige Zeit zu nehmen. Am selben Tag verkündete Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen öffentlich, die Zulassung von Biontech/Pfizer und Moderna sei schon in der zweiten Dezemberhälfte möglich.
Bleibt eine unbequeme Frage, die viele Bürger bis heute umtreibt: Tempo nach Kalender statt nach Datenlage – wie viel Vertrauen verdienen Behörden, die sich derart nah am politischen Terminplan bewegen? Die Dokumente selbst geben darauf keine abschließende Antwort. Aber sie erklären, warum das Misstrauen so hartnäckig ist.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Er stellt keine medizinische, rechtliche oder steuerliche Beratung dar.
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