
Flaute in der Nordsee: Offshore-Wind-Krise bedroht 21.000 Jobs!

Die deutsche Offshore-Windkraft steckt in einer tiefen Krise. Investoren wie BP und TotalEnergies rücken Medienberichten zufolge von Milliardenprojekten in der Nordsee ab. Jetzt schlagen acht Bundesländer Alarm, darunter Bayern und Baden-Württemberg. Eine Branchenstudie warnt bis 2045 vor dem Verlust von rund 21.000 Vollzeitstellen.
Vom Goldrausch zum Katzenjammer
Vor drei Jahren war die Stimmung noch eine ganz andere. 2023 lieferten sich Energieriesen ein regelrechtes Wettbieten um deutsche Meeresflächen, allein in dieser Auktion flossen rund 12,6 Milliarden Euro. Unter den Gewinnern waren BP und TotalEnergies. Der Staat hat damals kräftig kassiert.
Heute sieht die Rechnung düster aus. Hohe Baukosten, teure Kredite und Netzanschlüsse, die zum Teil jahrelang auf sich warten lassen, machen die Kalkulationen zunichte. Beide Konzerne haben Berichten zufolge signalisiert, bestimmte Projekte nicht wie geplant umsetzen zu wollen.
Das Absurde daran: Nach den geltenden Regeln lassen sich ersteigerte Flächen nicht einfach zurückgeben. Wertvolle Standorte und eingeplante Netzkapazitäten könnten also über Jahre ungenutzt bleiben. Die Energiewende im Leerlauf, sozusagen.
Zwei Drittel der Jobs auf der Kippe
Die Zahlen sind ernüchternd. Eine Untersuchung von wind:research, die der Bundesverband Windenergie Offshore am 15. Oktober veröffentlicht hat, zählt derzeit rund 49.000 Beschäftigte in der Branche. Das entspricht etwa 31.530 Vollzeitstellen. Bleiben neue Aufträge aus, könnten 2045 nur noch 9.000 davon übrig sein.
Im Krisenszenario rechnet die Studie bis 2045 mit Umsatzeinbußen von mehr als 550 Milliarden Euro. Würde dagegen das gesetzliche Ausbauziel von 70 Gigawatt erreicht, seien rund 90.000 zusätzliche Vollzeitstellen denkbar. Allerdings sind das Szenarien eines Interessenverbands und keine bereits eingetretenen Verluste. Lobbyzahlen verdienen immer einen zweiten Blick.
Warum sogar München mitzittert
Ein reines Küstenproblem ist das nicht. Auch Betriebe in Bayern und Baden-Württemberg liefern Stahlteile, Maschinen, Elektrotechnik und Kabel für die Windparks. Deshalb haben sich beide Landesregierungen einer Initiative mit sechs weiteren Ländern angeschlossen. Sie fürchten, dass Fertigungskapazitäten und Fachkräfte verloren gehen.
Für die energiehungrige Industrie im Süden geht es zudem um bezahlbaren Strom. Doch auch dieser Strom hat eine Schwachstelle, denn bei Flaute stehen die Rotoren auf See ebenfalls still. Ohne regelbare Kraftwerke, Speicher und leistungsfähige Leitungen bleibt die Versorgungssicherheit eine Wette auf das Wetter.
Reiche will Flächen zurücknehmen
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat reagiert. Unwirtschaftliche Flächen sollen künftig geordnet zurückgegeben werden können, finanzielle Verpflichtungen sollen die Unternehmen aber weiterhin erfüllen. Bei neuen Ausschreibungen soll stärker zählen, ob ein Projekt überhaupt realistisch gebaut werden kann.
Höchste Zeit, möchte man sagen. Im August 2025 gab es für zwei Nordseeflächen mit zusammen 2,5 Gigawatt kein einziges Gebot. Die Runden für 2026 wurden deshalb auf 2027 verschoben. Von den rund 16 Gigawatt, die 2023 und 2024 vergeben wurden, gelten Teile inzwischen als wirtschaftlich fragwürdig.
Preisgarantie auf Kosten der Bürger?
Am meisten Streit gibt es ums Geld. Berlin plant ein zweistufiges Verfahren: Zuerst sollen Projekte ohne staatliche Preisabsicherung zum Zug kommen, erst danach bei Bedarf sogenannte Differenzverträge. Sie garantieren den Betreibern einen festen Strompreis. Fällt der Marktpreis darunter, zahlt der Staat drauf. Liegt er darüber, fließt Geld zurück.
Die Länder lehnen diese Reihenfolge ab. Sie fürchten höhere Finanzierungskosten und weitere Ausschreibungen ohne Bieter. Damit steckt die Politik in einem Dilemma, das sie zum Teil selbst verursacht hat: Entweder bleiben die Investoren weg, oder das Risiko wandert in die öffentlichen Haushalte, also letztlich zu den Steuerzahlern.
Ob die Reform neue Investitionen bringt, hängt am Ende nicht an ehrgeizigen Gigawatt-Zielen. Entscheidend sind die tatsächlichen Baukosten, funktionierende Netzanschlüsse und Stromerlöse, die sich auf Dauer rechnen. Politische Wunschlisten allein bringen kein Windrad zum Drehen.
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