
Französischer Diplomat als Epstein-Zuträger enttarnt – Paris schaltet Staatsanwaltschaft ein

Es ist eine jener Geschichten, die das Vertrauen in staatliche Institutionen bis ins Mark erschüttern: Ein französischer Diplomat mittleren Ranges soll über Jahre hinweg vertrauliche Dokumente der Vereinten Nationen an den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein weitergeleitet haben. Das französische Außenministerium hat nun die Staatsanwaltschaft eingeschaltet – und Präsident Macron zeigt sich angeblich „entsetzt". Doch reicht Entsetzen, wenn die Verstrickungen der politischen Elite mit einem der größten Skandale unserer Zeit immer tiefer reichen?
Über 200 Dokumente belasten den Diplomaten schwer
Der Name Fabrice Aidan taucht in mehr als 200 Dokumenten auf, die das US-Justizministerium freigegeben hat. Darunter befinden sich E-Mails, die er zwischen 2010 und 2016 sowohl von seinem privaten als auch von seinem UN-Konto an Epstein versandt haben soll. Der Inhalt dieser Korrespondenz ist brisant: Es handele sich unter anderem um Briefings des UN-Sicherheitsrats sowie interne Berichte. Besonders pikant ist ein Gesprächsprotokoll eines Telefonats zwischen dem damaligen UN-Generalsekretär Ban Ki-moon und dem türkischen Außenminister, das Aidan zunächst an einen Vorgesetzten weitergeleitet haben soll – von wo aus es dann direkt bei Epstein landete.
Frankreichs Außenminister Jean-Noël Barrot bezeichnete die Vorwürfe als „äußerst schwerwiegend" und erklärte gegenüber dem Radiosender RTL, die E-Mails einschließlich der Weitergabe von UN-Dokumenten seien „erschütternd". Sein Ministerium habe sowohl eine interne Verwaltungsuntersuchung als auch ein Disziplinarverfahren gegen Aidan eingeleitet. Die Pariser Staatsanwaltschaft werde nun entscheiden, ob ein Strafverfahren eröffnet wird.
Der Zugangscode zur Pariser Luxuswohnung
Als wäre die Weitergabe hochsensibler Geheimdokumente nicht schon skandalös genug, offenbaren die freigegebenen E-Mails noch eine weitere bemerkenswerte Facette dieser Beziehung: Aidan soll Epstein in einer Nachricht um den Zugangscode zu dessen Luxusapartment in Paris gebeten haben. Epstein habe dem Wunsch bereitwillig entsprochen. Man fragt sich unwillkürlich: Was genau verband einen französischen Staatsdiener derart eng mit einem Mann, der wegen Sexualverbrechen verurteilt wurde und dessen Name zum Synonym für den Missbrauch von Macht und Geld geworden ist?
Aidan trat dem Außenministerium um das Jahr 2000 bei und war von 2006 bis 2013 an das UN-Hauptquartier in New York abgeordnet. Laut Stéphane Dujarric, dem Sprecher des aktuellen UN-Generalsekretärs António Guterres, sei zum Zeitpunkt von Aidans Rücktritt von der Abordnung bereits ein Disziplinarverfahren gegen ihn im Gange gewesen. Gérard Araud, damals französischer Botschafter in den USA, erklärte auf der Plattform X, er habe Aidan seinerzeit nach Frankreich zurückgeschickt – ohne die genauen Gründe zu nennen, verwies er jedoch auf die Existenz einer FBI-Akte über den Diplomaten.
Macron „entsetzt" – doch wie glaubwürdig ist das?
Aus dem Umfeld des französischen Präsidenten verlautete, Emmanuel Macron sei über die jüngsten Enthüllungen „entsetzt". Regierungssprecherin Maud Bregeon forderte, die Justiz müsse den Fall aufgreifen und „volles Licht in diese erschreckende und weitreichende Affäre" bringen. Schöne Worte – doch der kritische Beobachter darf sich fragen, warum es erst der Veröffentlichung durch das US-Justizministerium und der Recherchen des französischen Investigativportals Mediapart bedurfte, damit Paris überhaupt aktiv wurde. Barrot selbst räumte ein, erst am Dienstag durch den Mediapart-Bericht von den Vorgängen erfahren zu haben.
Die Epstein-Akten reißen Europas Elite in den Abgrund
Der Fall Aidan ist bei weitem kein Einzelfall. Die Freigabe eines gewaltigen Dokumentenkonvoluts in den USA hat in diesem Jahr eine Flut neuer Verbindungen Epsteins zu Politikern, Angehörigen von Königshäusern und Superreichen auf beiden Seiten des Atlantiks offengelegt. In Frankreich trat der ehemalige Kulturminister Jack Lang von seinem Posten am Institut du Monde Arabe zurück, nachdem sein Name hundertfach in den Dokumenten aufgetaucht war. Das Institut wird bezeichnenderweise vom französischen Außenministerium mitgetragen.
Was diese Enthüllungen einmal mehr schmerzhaft deutlich machen: Die politische und diplomatische Elite lebt offenbar in einer Parallelwelt, in der Regeln, die für gewöhnliche Bürger gelten, bestenfalls als unverbindliche Empfehlungen betrachtet werden. Vertrauliche Sicherheitsratsdokumente an einen verurteilten Sexualstraftäter weiterleiten? Offenbar jahrelang kein Problem. Der Zugang zu Epsteins Netzwerk schien wichtiger als jede Sicherheitsvorschrift, jede ethische Grenze.
Ein Symptom des Verfalls westlicher Institutionen
Für den aufmerksamen Bürger ist dieser Skandal mehr als nur eine französische Angelegenheit. Er ist ein Symptom des tiefgreifenden Vertrauensverlusts, den westliche Demokratien erleben – und der nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, dass sich politische Eliten über Jahrzehnte hinweg von den Interessen und Werten der Menschen entfernt haben, die sie eigentlich vertreten sollten. Während in Deutschland und Europa über Gendersprache und Klimakleber debattiert wird, operieren im Hintergrund Netzwerke, deren Ausmaß erst nach und nach sichtbar wird.
Die Vereinten Nationen erklärten durch ihren Sprecher, die Vorwürfe der Korruption und der Weitergabe vertraulicher Informationen würden „im Einklang mit dem rechtlichen und politischen Rahmen der Organisation" behandelt. Es versteht sich von selbst, so Dujarric, dass die Weitergabe vertraulicher Informationen ohne ausdrückliche Genehmigung gegen die Verfahrensregeln verstoße. Eine bemerkenswert nüchterne Formulierung angesichts der Tatsache, dass hier möglicherweise die Sicherheit ganzer Nationen kompromittiert wurde.
Ob die französische Justiz den Mut aufbringen wird, diesen Fall konsequent aufzuklären, bleibt abzuwarten. Die Geschichte des Epstein-Skandals lehrt uns eines mit brutaler Klarheit: Je mächtiger die Verstrickten, desto zäher die Aufklärung. Und desto lauter sollte die Forderung der Bürger nach Transparenz und Rechenschaft sein.

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